Die Katakomben des Elfenbeinturms

// The Catacombs of Ivory Tower

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Online-Fortsatz.
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Lichtblick

„So ist es eben!“ – Vom Narrativ der Unvermeidlichkeit

Nach all meinen Tiraden und anklagenden Eskapaden über die Schattenwelt unseres digitaltechnischen Alltags will ich nochmal klarstellen: Die Technik ist nirgends und nie als das Problem anzusehen. Vielmehr müssen wir, um Kritik zu üben und Zustände in ihrer Kontingentheit zu entschlüsseln, zu den sich hinter ihr konzentrierenden, wenn auch schwer ergründlichen Imperativen, durchdringen, die insbesondere wirtschaftlichen und staatlichen Interessen folgen. Shoshana Zuboff schreibt: „Wir können den gegenwärtigen Kurs der Informationsgesellschaft unmöglich einschätzen, ohne uns klar vor Augen zu führen, dass Technologie nie für sich selbst, nie unabhängig von Wirtschaft und Gesellschaft existiert.“ Dies impliziert, „dass es sowas wie technologische Unvermeidbarkeit schlicht nicht gibt.“ In Anlehnung an Max Weber formuliert sie: „In einer modernen kapitalistischen Gesellschaft ist Technologie Ausdruck ökonomischer Zielsetzung, die ihre Umsetzung dirigiert.“ In diesem Sinne betont sie, der Überwachungskapitalismus könne mit keiner seiner Technologien gleichgesetzt werden – weder mit seinen Online-Plattformen, noch mit seiner Maschinenintelligenz oder seinen Algorithmen.[1] Wie der Technikphilosoph Langdon Winner schon 1977 ausführte, verstößt jedoch bis zum heutigen Tag „jeder Vorschlag, den Vormarsch technischer Innovation einzuschränken, gegen ein fundamentales Tabu“, während die vernünftige Betrachtung gesellschaftlicher Werte als ‚rückschrittlich‘ gilt. Ihm zufolge haben wir uns einem Muster technologischer Abtrift verschrieben, das er als eine „Akkumulation unvermuteter Konsequenzen“ bezeichnet. Schließlich kapitulierten wir vor dem technischen Determinismus, indem wir die Idee, dass Technik auf keinen Fall behindert werden dürfe, einfach hinnehmen, damit die Gesellschaft wachsen kann.[2]


Licht und Chancen des Internets (für Freiheit und Würde)

Während ich im Kapitel „Das Google-Verlies“ anmerkte, dass die beiden Google-Gründer (in der Print-Ausgabe auf S. 25, siehe Fußnote 26) ihren eigenen Prinzipien im Zuge der Kommerzialisierung verlustig gingen bzw. sie ihr neues Geschäftsmodell einst selbst anachronistisch ad absurdum führten, soll es auch integre Menschen, d.h. solche geben, die ihren eigenen Prinzipien treu bleiben, bzw. sie nicht äußeren Anreizen und monetären Verheißungen unterwerfen.

Mit einem Blick in die Online-Pluralität der Gegenwart steht es um das Potential unseres Internets – als Ermöglicher menschlicher Freiheit und Handlungsmöglichkeiten – alles andere als schlecht: Suchmaschinen wie Qwant oder DuckDuckGo liefern sogar weitaus bessere – d.h. weniger verzerrte, und statt „personalisierte“ vielmehr neutrale – Suchergebnisse, sie bannen uns allenfalls nicht in (kommerziell motivierte) „Filter-Blasen“; der von Snowden empfohlene Messenger Signal sieht hübscher, reduzierter aus als WhatsApp, ist dazu noch quelloffen und funktioniert genauso gut, ebenso der schweizerische Messenger Threema; Firefox bietet eine Vielzahl von Funktionen zum Schutz der Privatsphäre, der Tor-Browser ermöglicht ein überragendes Maß an Anonymität im Netz. Mit der App Jumbo lassen sich bestehende Social-Media-Profile in Privatsphäre-Einstellungen pauschal und übersichtlich anpassen. Der quelloffene Videoservice Jitsi Meet kann sich als Zoom-Alternative im Alltag sehen lassen und mit dem Programm Cryptomator lassen sich die eigenen Daten in der Cloud verschlüsseln.

Allen voran besonders nennenswert erscheint mir das Soziale Netzwerk Okuna, welches nicht nur eine Absage an das „Data-Mining“ erteilt hat, sondern sich explizit ethischen Prinzipien verschrieben hat [3]. Der 24-jährige Gründer Joel Hernández setzt dabei ebenfalls auf Open Source und will zusätzlich 30% der Einnahmen an soziale Projekte spenden. Derzeit befindet sich Okuna in der Beta-Phase, und dürfte sehr bald die globale Öffentlichkeit erblicken. Und woher die Einnahmen? Das Geschäfts-Modell von Okuna beinhaltet eine optionale Premium-Nutzerschaft mit der Möglichkeit, Zugang zu weiteren Spaßfaktoren und Extras zu erhalten. Auf der Webseite heißt es, leider gehe es bei sozialen Netzwerken nicht mehr so sehr darum, Menschen zu verbinden, sondern vielmehr, so viel Geld wie möglich mit ihnen zu verdienen, unabhängig der Folgen, z.B. des Verlusts von Privatsphäre. „Wir wollen es besser machen, und genau deshalb (…) entwickeln [wir bei Okuna] ein soziales Netzwerk mit den besten menschlichen Eigenschaften als Basis. Wie zum Beispiel Freundlichkeit, Mitgefühl, Toleranz, Nächstenliebe, Empathie und Kooperation“ [4].



Autor: Hannes Pfeiffer


[1] Zuboff 2018: 31
[2] Winner, Langdon, zit. nach: Zuboff 2018: 261
[3] https://www.okuna.io/de/manifesto, abgerufen am 07.06.2020
[4] ebd.