Allegro im Kopf

Mit seinem Roman Allegro Pastell hat Leif Randt niemandem etwas getan. Ihn dafür polemisch anzugreifen, ist unangemessen und stilistisch peinlich. Zu einem epochemachenden Roman macht dies Allegro Pastell trotzdem nicht.

Vor etwa anderthalb Jahren, im November 2020 (absurd, dass sich das, nach einem einjährigen pandemischen Zoom-Loop in etwa so anfühlt wie letzten Herbst!) wurde an dieser Stelle gegen Leif Randts damals noch recht frischen Roman Allegro Pastell polemisiert, in recht scharfem Ton. Kritikpunkte, die aufgeworfen wurden, waren warum der ‚gut gelaunte Narzisst‘ Randt überhaupt vom Feuilleton mit so viel Lob überschüttet wird, ob man die Welt, die er beschreibt, jetzt ernsthaft abfeiern sollte, ob er sich Randt überhaupt der toxischen sozialen Wirkung seines Werks bewusst wäre, dass nun auch alle zu hingabelosen, psychohygienischen Narzissten mache, dass der Roman beschriebe, bis es nichts mehr zu beschreiben gäbe, stinklangweilig sei, und so weiter.

In einem stimme ich Tizia Rosendorfer zu: Allego Pastell zu lesen ist wirklich keine uneingeschränkte Freude, und den Zeitgeist komplett erfolgreich eingefangen hat das Buch auch nicht, schon gar nicht mit einem Alterungsprozess, der aus so gar nicht pastelltonartigen Tönen wie Pandemie und Krieg besteht. (Ob Randt mittlerweile auch Figuren in seine Bücher einbauen würde, die statt Onlineauftritten 3D-gedruckte Kampfpanzer designen? Anyway.) Ich hätte wahrscheinlich Allegro Pastell selbst keine große Aufmerksamkeit geschenkt, wenn Tizia Rosendorfer diesen Roman nicht so scharf – fast schon moralisch – verurteilt hätte; das hat mich dann schon neugierig gemacht. Leider kommt mir nach Leseeindruck die Kritik an dem Roman und seiner Rezeption fast genauso schal vor wie der Roman selbst: mit ein wenig Abstand sehe ich weder Gründe, den Roman wie Iljoma Mangold [1] oder Jens-Christian Rabe [2] in den Himmel zu loben, noch ihn wie Tizia Rosendorfer zu verteufeln.

Eigentlich würde eine sentimentale Barockmelodie, ein richtig dekorativ-melancholisches, verzärteltes Kunstprodukt aus der frühen Neuzeit hervorragend als Soundtrack zu diesem Roman passen. Denn worum geht es? Eigentlich um bestürzende Nichtigkeiten, um gefühlsbeladene Trivialität, wie sie in einem frühbürgerlichen Stück der Empfindsamkeit nicht besser zum Ausdruck kommen könnte, in irgendwelchen Elegien von Klopstock, oder, dann schon ins Romantische neigend, in Titeln wie den Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders von Wackenroder und Tieck. Wovon der Roman nämlich wesentlich handelt ist die einfache Liebesgeschichte zwischen Tanja und Jerome, zwei Menschen, denen es gut geht, die keine Probleme haben und sich diese durch ihre eigenen Irrungen und sentimentalen Verwirrungen einfach selbst erschaffen. Diese ‚Luxusprobleme‘ werden dann allerdings literarisch so ernsthaft erschlossen und mit der Gegenwart in Verbindung gebracht, das man nicht wirklich behaupten könnte, dass es sich hier um irgendetwas wie eine ‚Sozialkritik‘, eine Karikatur oder eine Satire handeln könnte, was auch sowohl vom Feuilleton als auch von Tizia Rosendorfer bemerkt wurde.

Diese Liebesgeschichte ist so trivial, dass sie eigentlich in drei oder vier Sätzen erzählt werden kann (wie in einem Oboenkonzert, von, sagen wir, Johann Sebastian Bach). Tanja, erfolgreiche Nachwuchsromanautorin unter 30 verliebt sich in Jerome, erfolgreicher Webdesigner knapp über 30, und die beiden beginnen eine Fernbeziehung zwischen Frankfurt und Berlin, wobei es eine wichtige Rolle spielt, dass beide zutiefst die Sterilität und Glätte der ICE-Fahrten der Deutschen Bahn genießen. Eines schönen Tages kommt Tanja – wohl aufgrund einer Party, die nicht schlecht gelaufen ist, auf der sie sich allerdings nicht so richtig wohl gefühlt hat; oder,in etwas altertümlicherer Sprache ausgedrückt, aus einer Laune heraus – auf die Idee, dass sie von Jerome mal eine Pause braucht. Das bricht Jerome das Herz, weil er grade angefangen hatte, für Tanja Gefühle zu entwickeln. Aus Trotz und Verzweiflung wendet er sich von Tanja ab, datet stattdessen Marlene, eine alte Grundschulklassenkameradin, die als Unternehmensberaterin ebenfalls keine Probleme hat, bekommt mit ihr ein Kind [3], und hinterlässt eine todtraurige Tanja, die in eben just dem Moment, in dem sie ihre emotionale Verwirrung überwunden hat und auf Jerome wieder zugehen möchte, feststellt, dass er nun an eine andere vergeben ist. Schade schokolade, hätte hätte fahrradkette, so ist das Leben, Sad Happy End. Irgendwie hätte so eine Geschichte wirklich aus den Tiefen der frühneuzeitlichen Empfindsamkeitsliteratur kommen können.

Was in drei Sätzen wiedergegeben werden kann, baut Randt zu einem 280 Seiten schmalen Büchlein aus, das technisch solide geschrieben und sowohl aus akademisch-vergeistigter als auch trivial-literarischer, kitschiger Selbstfindungsperspektive leicht zu lesen und stellenweise sogar zu genießen ist. Wäre dieser Roman also eine Dessertkreation, dann wäre er wahrscheinlich so etwas wie ein Baiser-Cupcake – ein aus Zucker und Eiweiß zusammengebauter und mit Luft so stark aufgeschäumter kulinarischer Leckerbissen, dass man ihm schlussendlich eine Himbeere aufsetzen und diese dann mit Puderzucker bestäuben kann. Dabei geht Randt durchaus intelligent vor: das Innenleben der Figuren wird ausgeleuchtet, ohne dass dies lächerlich rüberkäme, es gibt keine losen Enden, verschiedene Erzähltechniken – das Genre des Briefromans anklingen lassende Messengerchats, Dialoge, Wetter- und Naturbeschreibungen, alternierende narrative Nahaufnahmen der Hauptfiguren – werden geschickt miteinander kombiniert, um das Optimum an sprachlichem Effekt hervorzubringen, es gibt einen klaren Spannungsbogen, und es liegt auch eine gewisse Charakterentwicklung der Hauptfiguren vor. Was den Roman sicherlich besonders macht, ist seine streng kalkulierte Sprache: so wie die Figuren über jedes Detail ihrer Konsum- und Lifestyleentscheidungen überbewusst nachdenken, achtsam Playlisten und ihre Freundeskreise kuratieren und Rauscherfahrungen auf die optimale Wirkung berechnen, genauso könnte man Leif Randts Schreibstil als Erkundung distanzierter Hyper-Reflexivität beschreiben, was dem Feuilleton und Tizia Rosendorfer ebenfalls nichts mehr hinzuzfügen ist. Was man dem Roman in meinen Augen zugestehen muss, ist, dass er eine emotionale Sogwirkung entfaltet: er produziert eine Atmosphäre der Wehmut und Traurigkeit, durch die man fast anfangen kann, sich von den Figuren zu ekeln, die irgendwie so ungreifbar, unauthentisch und blurry vor sich hinleben und dabei in ihrer eigenen Leblosigkeit, durchkalkulierten Begeisterung, Übersensibilität, Hoffnung auf Intensität und Angst vor der eigenen Verletzlichkeit steckenbleiben. Dieser Effekt ist in Tizia Rosendorfers Polemik sehr anschaulich beschrieben, und ich teile ihn, wenn auch mit mehr Wohlwollen.

Dass der Roman nach Erscheinen direkt so enthusiastisch besprochen worden ist, als ‚[könne] kein künftiger Millenial zukünftig einen Roman schreiben […], ohne sich zu Allegro Pastell zu verhalten‘ [4] ist – da stimme ich Tizia Rosendorfer zu – wirklich lächerlich. Dazu weist der Roman – ebenfalls beliebte Referenz im Feuilleton – zu viele eindeutige Parallelen mit Werken von Autoren wie Christian Kracht, Sascha Lobo, Benjamin von Stuckrad-Barre, Rainald Goetz oder Michel Houllebecq auf: in allen von ihnen geht es um mehr oder weniger junge, mehr oder weniger erfolgreiche Männer, denen die Nerven durchbrennen, und die mit einer brutalen Aufmerksamkeitsökonomie und der Globalisierung klarkommen müssen. Das Ganze ist dann irgendwie ’Popliteratur‘, und dazu verhält sich die gesamte deutsche Literaturszene ja schon seit langem, zu solch einem Ausmaß, dass man sich mittlerweile zurecht darüber aufregen kann: als bestünde die ganze deutsche Gegenwartsliteratur nur aus Introspektionen wohlstandsverwahrloster, nervöser, weißer Männer. Dies als die Spiegelung einer Generation und die deutsche Gegenwartsliteratur zu bezeichnen ist eigentlich wirklich eine Diskriminierung sowohl von literarisch nicht-repräsentierten Gesellschaftsteilen als auch von den literarischen Stimmen, die sich mit marginalisierten Perspektiven derzeit auseinandersetzen. Aber von diesem Kritikpunkt ist Randt ja eigentlich nicht touchiert; er könnte vielmehr als ein Symptom oder als eine späte Blüte der Inspiration gelesen werden, die mit Beginn der 90er Jahre, beispielsweise mit dem Roman ‚Faserland‘ einsetzte, und bislang als Abiturstoff und Blueprint für weitere Werke, die von nervösen jungen Männern handeln, fröhlich Früchte trug.

Solche Bücher auch nach der Pandemie und nach dem ersten offenen europäischen Invasionskrieg nach ’45 immer noch lesen und genießen zu können, fühlt sich irgendwie surreal und historisch asynchron an. Vielleicht werden wir in 30 oder 40 Jahren, wenn wir unsere Hände an nuklear verseuchten, brennenden Mülltonnen wärmen und mit unseren nomadischen Stämmen durch die apokalyptischen Szenerien der Klimakatastrophe wandeln, die oben genannten Autoren einmal als Repräsentanten männlicher Dekadenzliteratur in einen zukünftigen Kanon einordnen und so über sie reden, wie man einstmals über die belle époque sprach. In dieser zukünftigen Erinnerung wären die Jahre 1990-2020 dann ein ungetrübtes Zeitalter, in dem marginalisierte Gruppen sich langsam emanzipieren, amerikanische Theoretiker:innen über den ‚Endpunkt der ideologischen Entwicklung der Menschheit‘ spekulieren und eine Strömung europäischer, männlicher Mittelständler:innen empfindsame Romane über die Liebe, das Bahnfahren und das Trinken von Jever Fun schreiben konnten. Diese Deutung von Leif Randt wäre legit, aber sie würde ihn eben nicht zur ‚Stimme einer Generation‘ machen – sie würde ihn maximal als einen Aspekt einer ansonsten vielschichtigen Zeit aufnehmen.

(Un)angenehmerweise kann man die Dummheit des hyperbolischen Übertreibens der Bedeutung von poppiger Dekadenzliteratur nicht Leif Randt selbst in die Schuhe schieben. Als der von Doris Akrap darauf angesprochen wurde, dass von diesem Roman‚ eine Jugendbewegung ausgehen könne‘ [5] reagierte er ja selbst sehr überrascht und verwirrt: was er täte, so er selbst, sei halt das Beschreiben von ‚Leben in Deutschland‘ – aber eben nur das Leben von einer sehr speziellen Gruppe von Menschen, die irgendwo in ihren Mittdreißigern in globalen, urbanen Räumen rumpendeln und nicht wissen, was sie mit sich und Hoffnungen, Begierden, Ängsten, Beziehungen und Bindungsängsten tun sollen – solche Leute gibt es ja, in der Tat, aber sie gibt es eben nur in einem spezifischen Milieu, was Randt auch komplett offen zugibt. [6]

Daraus als Kritiker:in einen Generationroman zu machen ist in der Tat komplett vermessen: um das zu tun, hätte Randt noch einige hundert Seiten und einige Charaktere mehr raufbuttern müssen – und das war ja gar nicht in grober Wurfweite dessen, was Randt mit seinem Roman eigentlich machen wollte. Vielleicht hatte Randt in seinem Roman wirklich einfach nur die seichte, zuckrige, selbstdarstellungsfixierte lovestory von zwei urbanen Mittdreißigern aufschreiben wollen, fair enough, vielleicht war Randt selbst überrascht von dem überwältigenden Medienecho, das er bekam! Aber diese Unangemessenheit der Einordnung ist ein Problem für die Rezensent:innen – in zwei bis fünf Jahre werden ihre Fehleinschätzungen auf sie zurückfalle. Kein Problem für Randt, der wie Jerome der Webdesigner an seiner Dekadenzliteraturästhetik herumbaut. Soll er doch!

Leif Randt für das Leben, welches er literarisch beschreibt, oder für den Erfolg, den er damit vonseiten der Kritik und der Verkaufszahlen hat, irgendwie zu hassen oder anzugreifen ist aufgrund all dieser Missverständnisse stilistisch dann auch unangemessen. Das wäre ein bisschen eitel und spätpubertär: so als würde man sich krank darüber aufregen, dass eine Mitschülerin im Abi für eine durchschnittliche Leistung eine unangemessen gute Note bekommt, oder als würde man einen normalen Menschen beschimpfen, nur weil ein unnormal schöner Sonnenstrahl auf ihn fällt. Die stilistisch angemessene Reaktion auf solche kosmischen Ungerechtigkeiten bestünde wahrscheinlich darin, gelassen die Schultern zu zucken, und daran zu glauben, dass das Universum halt nicht meritokratisch geordnet ist. Sad story! [7]

[1] I. Mangold, ‘Das absolute Jetzt’, Zeit Online, 05 March 2020.

[2] J.-C. Rabe, ‘Alles schon irgendwie okay’, Süddeutsche Zeitung, 09 March 2020.

[3] Ich stimme Tizia Rosendorfer nicht zu, dass ‚Jerome ‚aus Versehen‘ das Klischee der aufgeräumten Frau schwängert‘ (die Marlene nicht ist), und ‚deswegen (erstmal) nicht mit Tanja zusammen sein kann‘ – hier lese ich die Geschichte tatsächlich als komplexer, weil Jerome in meinen Augen tatsächlich so etwas wie eine Charakterbildung durchläuft. Ich denke nicht, dass Jerome und Tanja noch einmal zusammenkommen würden. Aber dass nur nebenbei.

[4] I. Mangold, ‘Das absolute Jetzt’, Zeit Online, 05 March 2020

[5] I. Mangold, ‘Das absolute Jetzt’, Zeit Online, 05 March 2020

[6] L. Randt and D. Akrap, Leif Randt: Allegro Pastell (Berlin: Literaturforum im Brecht-Haus, 2020), 33:47

[7] L. Randt, Allegro Pastell: Roman, 2. Auflage (Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2020)


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