Wofür Kunst gut ist

In unserer von Effizienz und Schaden-Nutzen-Kalkülen geprägten Gesellschaft sticht die Welt der Kunst heraus wie ein obszönes Absurdum. L’art pour l’art, die Kunst als Selbstzweck, wurde in der Postmoderne zur Kunst als Anti-Zweck. Kunst ist nicht Unterhaltung. Kunst ist nicht Politik. Kunst ist nicht schön. Kunst ist nicht bedeutungsvoll. Kunst ist nicht XYZ. Kunst unterwirft sich nicht der kapitalistischen Zweck-Politik.

Rebellion und Nihilismus machen Spaß, verjähren jedoch relativ schnell und lassen einen zurück mit einem Gefühl der Leere und der Frage: Hat Kunst wirklich überhaupt keinen Nutzen? Im Folgenden möchte ich den Sprung in einen neo-konservativen Ansatz wagen, der Kunst einen möglichen Nutzen aufdrücken will: Ihre Fähigkeit als Medium für die Verständigung subjektiver Perspektiven zu dienen.

1. Thomas Nagel: Subjektiv und Objektiv

Um besser zu verstehen, was mit subjektiver Perspektive hier gemeint ist, gehe ich zuerst kurz auf Thomas Nagels berühmten Ausführungen zu subjektiv und objektiv ein. Nagel definierte Objektivität als „view […] from nowhere in particular“,[i] also als vollkommene Externalität. Im Kontrast hierzu ist die subjektive Perspektive direkt an ein partikulares Individuum gebunden, dessen individuelle Situation die Sicht auf die Welt, ‚wie sie wirklich ist‘ verzerrt. Um also die Welt unabhängig von einer partikularen Situation betrachten zu können, muss man einen objektiven Standpunkt annehmen. Solch ein objektives Ideal verfolgt z.B. die Wissenschaft in ihrer empirischen Betrachtung der Welt.[ii]

In dem Aufsatz „What is it like to be a Bat?” erklärt Nagel, inwiefern jede Erfahrung eines Lebewesens einen subjektiven Charakter innehat. Diesen subjektiven Charakter beschreibt er als: „what it is like to be something“[iii]. Es scheint für Nagel so, als wäre es unmöglich, den subjektiven Charakter objektiv zu betrachten, das heißt, aus einer externen Perspektive zu verstehen.[iv] Hier endet Nagels Aufsatz und beginnt mein Argument: Unter gewissen Umständen schafft Kunst es den subjektiven Charakter von Erfahrungen zu objektivieren.  

2. Kunst als Ausdruck von Perspektiven

Kunst wird oft als Ausdruck von Emotionen verstanden. Dies nennt man dann in der Kunsttheorie expression theory.[v] In meinen Augen kann Kunst nicht nur Emotionen, sondern auch subjektive Perspektiven ausdrücken. Zum Beispiel kann ein Roman die Perspektive eines Serienmörders darstellen, sodass wir als Leser einen guten Einblick in dessen Emotionen, Beweggründe und Weltansichten erhalten. In vergleichbarer Weise zeigen die Heuschober-Bilder von Claude Monet die Art und Weise, wie Monet die Heuschober in partikularen raum-zeitlichen Situationen wahrgenommen hat, also seine Perspektive auf die Heuschober. Die Perspektiven, die Kunst auszudrücken vermag, enthalten subjektiven Gehalt in Nagels Sinne: Sie zeigen, wie es ist jemand/etwas zu sein.

3. Die Objektivierung der Subjektiven Perspektive in der Kunst

Die subjektive Perspektive wird im Kunstwerk objektiviert und externalisiert, sie wird Teil eines Objekts und ist für eine unbegrenzte Zahl von Perspektiven zugänglich. Dieser scheinbar einfache Sprung vom Subjektiven zum Objektiven scheint erstmal suspekt. Man stellt sich bald die Frage: Liegt die subjektive Perspektive wirklich im Kunstwerk objektiv vor, oder ist das Kunstwerk nicht eher ein Symbol, in das ein Publikum bestimmte Perspektiven oder Emotionen hineininterpretiert? Beziehungsweise, kann etwas überhaupt objektiv vorliegen, wenn es abhängig von einem subjektiven Wahrnehmungsapparat ist? Immerhin kann die in einem Kunstwerk dargestellte Perspektive nur von uns Menschen erkannt werden. Inwiefern ist sie dann objektiv?

John McDowell zweifelt in seinem Aufsatz “Aesthetic Value, Objectivity and the Fabric of the World” die (u.a. von Nagel vertretene) These an, dass Objektivität durch eine vollständige Unabhängigkeit von subjektiven Perspektiven bedingt ist. Er kritisiert die weit verbreitete Abgrenzung von (bloßen) Erscheinungen zur absoluten Realität, wobei Erscheinungen an subjektive Perspektiven gebunden sind, während die Realität vollkommen unabhängig dessen existiert. Nach dieser Unterscheidung wären Farben bloße Erscheinungen und nicht Teil der objektiven Realität. Dies kann für McDowell jedoch nicht sein, denn wir können objektive Urteile über Farben fällen, wie z.B. dass die Aussage ‚Der Himmel ist blau‘ wahr ist. Diese Aussage kann daher nicht auf einer subjektiven Wahrnehmung basieren, sondern auf objektiven Fakten. Demnach können auch Dinge objektiv vorliegen, die wir nur durch unseren menschlichen Wahrnehmungsapparat erkennen können.[vi] McDowells Argument lässt sich nun einfach auf die subjektiven Perspektiven in Kunstwerken ummünzen. Solange man also über subjektive Perspektiven in Kunstwerken wahrheitsfähige Aussagen treffen kann, können diese auch objektiv vorliegen. Dann stellt sich natürlich die Frage: Kann man solche wahrheitsfähigen Aussagen über Kunst treffen? Sieht nicht jeder etwas anderes im Kunstwerk?

Daniel Martin Feige sagt: Nein, es gibt einen Unterschied zwischen der emotionalen Reaktion, die ein Publikum in das Kunstwerk hineinprojiziert und den ästhetischen Eigenschaften, die objektiv in ihm vorliegen.[vii] Denn ein Publikum mag sich z.B. von der dargestellten Perspektive des Serienmörders angeekelt fühlen, die dargestellte Perspektive bleibt jedoch die gleiche. Natürlich verschwimmen die Grenzen hier schnell. Bei einem Gedicht aus der Perspektive einer Mutter über ihr verstorbenes Kind ist die dargestellte Perspektive getränkt von Traurigkeit, die das Publikum mit aller Wahrscheinlichkeit auch beim Lesen des Gedichts nachempfinden wird. Trotzdem ist klar, dass auch wenn ein Individuum ohne jegliche Empathie über dieses Gedicht lacht, die dargestellte Perspektive eigentliche eine traurige ist. Somit sind Aussagen über im Kunstwerk dargestellte Perspektiven grundsätzlich wahrheitsfähig, und daher kann man in Anlehnung an McDowell auch sagen, diese Perspektiven liegen objektiv vor.

4. Wofür Kunst gut ist

Durch die Transzendenz zum Objektiven konkretisieren und intensivieren wir Erfahrungen der Realität und machen sie zu Wissensspeichern, die für andere zugänglich sind. Kunst hilft uns dabei, dies mit Aspekten der Realität zu tun, die z.B. der Naturwissenschaft verschlossen bleiben. Kunst kann also als einzigartiges Medium angesehen werden, mit dem wir Wissen über die subjektive Erfahrung des Individuums speichern und weitergeben können. Dies ist wichtig, um Kommunikation und Empathie zwischen Menschen zu stärken. Diese Eigenschaft gibt eine klare Antwort auf die Frage, wofür Kunst eigentlich gut ist: Kunst lässt Menschen verstehen, wie sich andere Menschen, die ihnen vielleicht bisher fremd vorkamen, fühlen, bzw. wie diese die Welt betrachten. Dies macht Kunst zur friedfertigsten Waffe gegen Rassismus, Sexismus und anderen Ideologien, die sich von dem tiefsitzenden Unverständnis zwischen Menschen nähren.


[i] Nagel, Thomas (1979): “Subjective and Objective”. Mortal Questions. Cambridge: Cambridge University Press. S. 208

[ii] Ebd., S. 206ff.

[iii] Nagel, Thomas (1979): “What is it like to be a Bat?” Mortal Questions. Cambridge: Cambridge University Press. S. 166

[iv] Ebd., S. 174-178

[v] Carroll, Noël (1999) Philosophy of Art. A contemporary introduction. London & New York: Routledge. S. 61

[vi] McDowell, John (1998): “Aesthetic Value, Objectivity and the Fabric of the World”. Mind, Value, and Reality. Cambridge u.a.: Harvard University Press. S. 112-117

[vii] Feige, Daniel Martin (2015): „Ästhetische Objektivität“. Deutsche Zeitschrift für Philosophie. 63(6). S. 1051-1053

Ein Kommentar zu „Wofür Kunst gut ist

  1. Applaus, Applaus! Ein wichtiger Punkt. Ich glaube ja, es ist sehr berechtigt, ab und an auch zu fragen, wofür Kunst gut ist, sonst wird über kurz oder lang dekadent. Man müsste vermutlich dann in einem nächsten Schritt noch über die erkenntnistheoretischen Voraussetzungen für Objektivität etc. reden, aber das ist dann tendenziell schon wieder Sophisterei.

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