Was kommt nach Corona?

Beobachtungen bei einer Tasse Kaffee

Yunus Berndt

Ist 2021 das neue 1989? Inmitten der SARS CoV-2 Pandemie suchen wir fieberhaft nach den Weisen, die mit leuchtender Laterne auf dem schummrigen Weg in die ungewisse Zukunft voranschreiten. Von einer Zäsur spricht der Soziologe Heinz Bude, nach der die Bürgerinnen und Bürger solidaritätsfähiger werden. [1] Sie erkennen nun, wie wichtig gemeinsame, staatliche Institutionen seien, unterstreicht die Politologin Andrea Römmele. Im Gegenteil, prophezeit Anthropologe Hansjörg Dilger, es entstünde neuer Nährboden für Abschottung und Rechtspopulismus, also weniger Miteinander. Die Globalisierung werde abgebremst, sagt Zukunftsforscher Matthias Horx, die Globalisierung gehe weiter, meint Soziologe Armin Nassehi. [2] Gemein ist all diesen Prognosen bloß, dass sie von renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unseres Landes stammen.

Nun, in die ferne Zukunft zu schauen, ist gemeinhin Kaffeesatzleserei. Ich war mal dort. Nicht in der Zukunft, nein, beim Kaffeesatz, das heißt, beim Kaffeesatz der Gesellschaft. Als Handwerker habe ich jahrelang für einen Niedriglohn gearbeitet, so wie 21,7 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland. [3] Inzwischen sitze ich im dritten Stock in einem lichten Berliner Büro und lese Studien aus wissenschaftlichen Publikationen. Es ist ein partikularer Aufstieg von dem soliden Kaffeesatz in die höheren, klareren Sphären. Von der Werkbank zur Tastatur, von Muskeln zum Gehirn, von Schürfwunden zu Kopfschmerzen, vom Überleben zum guten Leben. 

Ist dieser Kaffeesatz etwa das klassische Proletariat und der Kaffee darüber die Bourgeoisie? Steuern wir auf einen Klassenkampf hinzu, den uns der slowenische Philosoph Slavoj Žižek bald hektisch in jeder Talkshow des Landes verkünden wird? Schwer vorzustellen, bei einer Arbeiterschaft die sich in politisch Uninteressierte, rechtspopulistische Wählerstimmen und sozialdemokratische Überbleibsel spaltet. Trifft es David Goodhart besser, indem er zwischen somewheres und anywheres differenziert? Lokal verwurzelte, vornehmlich rurale Bevölkerungsschichten versus liberale, entwurzelte Kosmopoliten? Dabei bringen Billigflüge inzwischen jeden Bauer an exotische Orte, Firmen fliegen Mechatronikerinnen nach Fernost und Weltgewandte sehnen sich zurück in die provinziellen Funklöcher. Žižek und Goodhart helfen uns nicht weiter. Wagen wir einen anderen Versuch, unsere Zeit zu verstehen.

Vom Umrühren des Kaffees

Wenn Bootsbauer ein Schiff reparieren, spielt Mathematik eine bescheidene Rolle. Sie stellen der Kundin zwar drei Raummeter Kiefer in Rechnung, als sei die bestellte Kiefer gleich und damit zählbar. Doch tatsächlich gleicht kein Baum dem anderen und kein Stamm dem nächsten. Sie sind ganz natürlich individuell.

Diese natürliche Individualität wehrt sich bis zuletzt ihrer endgültigen Vermessung: Ist die Planke einmal exakt aufgezeichnet, individualisiert sich das Brett wieder durch den ungenauen Schnitt. Ist sie gerade gehobelt, trocknet sie wieder nach ihrem natürlichen Willen. Diese unmittelbare Auseinandersetzung mit der natürlichen Individualität finden wir ebenso auf Äckern, in Pflegeheimen, ja selbst bei den Armeen von Leiharbeiterinnen und Leiharbeitern, die Unzulänglichkeiten maschineller Produktion ausgleichen. Kurz: Wir finden sie bei den Praktischen. 

Dabei bedingt diese individuelle Produktion ihre räumliche und zeitliche Verwurzelung. Den zünftigen Dachstuhl bewundern höchstens die Nachbarn, das sauber sezierte Steak ist bald verzehrt und auch den mühevoll ausgemerzte Lackfehler vermissen tausende Messebesucher nur bei einem Fahrzeug. Weil der Kaffeesatz also an der ursprünglichen Bohne hängt, ist der Horizont seines praktischen Tuns begrenzt.

Ganz anders sieht es im eigentlichen Kaffee aus. Der liquide Raum wird durch abstrakte Molekülverbindungen vermessen, die Aromen durch nuancierte Begriffe, die Temperatur durch ein Gerät, das auf physikalischen Theorien aufbaut. In den Studien kodieren wir individuelle Interviews zu Narrativen, Konzepten und Modellen. In Statistiken supprimieren wir bereitwillig Partikularitäten, um in abstrakten Zahlen Trends zu erkennen. Im Gesetz bemühen wir uns, das Eigentum, den Mörder und die Versammlungsfreiheit künstlich zu definieren. Ärzte verlassen sich auf das DNA-Modell, Biologen auf Photonen, Manager auf Okuns Gesetz. Indem die Abstrakten sich vom Einzelnen entfremden, schaffen sie Ideen, die übertragbar sind. Organisationen sprechen hier von Knowledge-Management, Investoren von Skalierbarkeit und die EU von Dissemination. Höher, weiter, mehr. Weil, und nur weil, das Abstrakte skalierbar ist, kann es globale und universelle Herausforderungen annehmen. Im Kaffee suchen wir daher, getrieben vom weiten Horizont, die distanzierte Abstraktion.

Prinzipiell arbeitet jede Seite nach einer effektiven Logik. Doch in dem Prozess, in dem sich die Praktischen vom Abstrakten, und die Abstrakten vom Partikularen entfremden, segregieren sich die beiden Welten materiell. Denn das skalierbar Abstrakte ist eng verknüpft mit Einkommen, Einfluss und Bildungsstand. Es sind die Abstrakten, die den gesamten Tasseninhalt umrühren und entscheiden, wie schnell sich die Welt dreht. Indem sie unsere gesellschaftlichen Regeln und Bedingungen gestalten, legen sie fest, inwiefern der Kaffeesatz aufsteigt. So blieben im Zeitraum 2015 bis 2018 fast der Hälfte der niedrig entlohnten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland signifikant bessere Löhne verwehrt. [4] Die Bildungsabschlüsse der Eltern entscheiden nach wie vor über den sozialen Aufstieg der Kinder. [5] In der Öffentlichkeit haben die Praktischen einen schweren Stand. Kurz: Es mangelt an einer vertikalen Durchmischung. 

Vom Vergiften der Tasse

Zurück zur Werkbank, wo die Praktischen die Welt jeden Tag zu spüren bekommen. Sie fühlen die Textur des Holzes, wenn sie darüber streichen; sie ächzen unter der Last des geschlachteten Schweins, sie riechen die frischen Kräuter, den beißenden Lack und den Morgenfrost. Sie werden geblendet durch das Schweißlicht, genässt durch den Schauer, gereizt durch den Staub. In dieser pluralen, originellen und alltäglichen Wahrnehmung entsteht das Faktische unmittelbar und absolut. Mehr noch, sobald die Praktischen ihre Rechnung stellen, erhoffen sie, dass diese unmittelbaren Wahrnehmungen für Andere nachvollziehbar sind. Sie bleiben aber in der Produktion unwiederbringlich verborgen und so legen die Praktischen tatsächlich mit dem Produkt Rechenschaft ab: Das Boot, das sie bauen, muss schwimmen, der Motor muss wieder funktionieren und das Hemd darf keine offene Naht aufweisen. Man könnte meinen, der Kaffeesatz erfährt und verantwortet die Welt unmittelbar.

Das Problem: Weil die Abstrakten sich von der unmittelbaren Faktizität entfremden, können sie zunehmend nur das Produkt, nicht jedoch die Produktion honorieren. Formal mögen sie die Rechnung heute noch begleichen, doch mit Blick in die Zukunft maßt sich ein Teil von ihnen an, die praktische Produktion abzuwerten: “Seid dankbar, dass eure Jobs nicht schon in Indien sind; seid dankbar, dass es noch keine Roboter gibt, die euch ersetzen.”

Im Büro entsteht die Welt dagegen im Kopf. Der Popperschen Logik folgend, produzieren die Abstrakten Ideen, die in einem evolutionsartigen Selektionsprozess florieren bis sie falsifiziert werden. Wie wahrscheinlich die flüchtige Wahrheit ist, drückt sich in Konfidenzintervallen aus. Im liquiden Raum, den wir den Kaffee nennen, entsteht also vorübergehend eine relative Faktizität. Die Gewissheit, die die Straßenmeisterin an der stinkenden Teergrube hat, ist dieser Welt fremd. Die Leistungen dieser abstrakten Produktion spiegeln sich dabei kaum noch in materiellen Produkten wieder. Die hochkomplexen Informations- und Organisationsprozesse eines Neuwagens lassen sich an einem Auto, das, abzüglich Facelift, so aussieht wie sein Vorgänger, nicht erkennen. Die Abstrakten verantworten ihre Arbeit daher emotional. Ein Auto bedeutet ein Freiheitsgefühl, das selbst durch die materiellen Probleme betrügerischer Abgastechnik kaum erschüttert wird. Weil mittelbare, relative Faktizität schwer zu vermitteln ist, legen ihre Urheber emotional Rechenschaft ab.

Unter diesem Eindruck maßen sich die Praktischen an, dem Abstrakten nicht mehr zu trauen: “Was sollen wir auf gefühlte Fakten bauen?” Sie, die bloß die unmittelbar absolute Faktizität kennen, können mit der vermittelten, relativen nichts anfangen, denn sie haben ihre Logik nie erlernt. So wie die Abstrakten sich anmaßten, in ihre Sphäre zu intervenieren, maßen einige der Praktischen sich nun den Übergriff ins Abstrakte an: Mit Verschwörungstheorien, die ihrer Logik, und nicht der Konventionen der relativen Faktizität folgen. Die Kommunikation vergiftet sich. 

Vom Leben im Sturm

Kehren wir ein letztes Mal zur Werkbank zurück. Weil sich die Praktischen tagtäglich mit den Kräften der Natur auseinandersetzen – der Schwerkraft, der biologischen Uhr, dem Regenguss – geht es um das nackte Überleben. Der Arbeitsschutz mag das tatsächliche Leben verlängern, doch er verkörpert gleichzeitig und unmissverständlich die lauernde Gefahr. Eine Kreissäge falsch angesetzt, und sie springt der Handwerkerin in den Bauch, das Paket verhoben, Bandscheibe, Kabel vertauscht, Stromschlag, Maske abgesetzt, Krebs, erschöpft eingenickt, Autounfall. Wer es noch einmal heil in den Feierabend schafft, darf sich seines Sieges über die tückische Naturgewalt rühmen. Im Kaffeesatz liegt das Überleben in den eigenen Händen.

Im Büro konnten sich die Abstrakten von dem profanen Überlebenskampf trennen, und schufen sich so den Raum um über das gute Leben zu sinnen: Arbeitsplätze schaffen, Kriminalität senken und den Klimawandel bekämpfen. Wer hier einen Fehler macht, erfährt eine zweite Chance statt der Notaufnahme, denn Schuld ist in der komplexen und kollaborativen Produktion des Abstrakten nur mühselig und künstlich erhältlich. Auf der anderen Seite winkt aber der Ruhm, gesellschaftlich und monetär, die all jenen aufrichtig zugestanden wird, die sich um das gute Leben bemühen. Im Kaffee liegt daher das gute Leben in vielen Händen zugleich.

Einen kurzen historischen Moment führte die Pandemie den Kaffeesatz wieder zum Kaffee. So manch eine beklatschte Praktikerin befand sich augenblicklich in der abstrakten Welt, in der wir auch mit gesellschaftlicher Anerkennung Leistungen honorieren. Und die Abstrakten sorgten sich wahrnehmbar um das individuelle Faktische, die spürbare Krankheit, das Überleben und die Praktischen hörten zu. Doch in diesen Augenblick mischte sich sogleich die Bitterkeit, dass dieser lang ersehnte Mauerfall nur temporär und in der Krise erlebbar ist. 

Die Praktischen kehren nun in die kleine, vergessene Welt der Werkbank zurück. Die Abstrakten bestimmen weiterhin unsere Gesetze und Öffentlichkeit mit Impfstoff-Erfindungen, Inzidenzraten und Impfquoten. Die Gehaltserhöhungen bei den Praktischen machen ihre individuelle Produktion für die Abstrakten nicht plötzlich nachvollziehbarer, während das abstrakte Produkt eines Impfstoffs für die Praktischen, selbst nach zahlreichen Studien, undurchdringbar bleibt. Die Einen balancieren das eigene Leben durch die Gefahren des Stromschlags und einer Ansteckung mit Covid-19, unter den Anderen tragen die Verantwortlichen von seltenen Gehirnvenenthrombosen und häufigeren Maskendeals nur begrenzt Konsequenzen. Und so wachsen die Entfremdung, das Misstrauen und die Übergriffe der Praktischen ins Abstrakte und der Abstrakten ins Praktische. Statt sozialer Wiedervereinigung, wächst die Mauer.

Ein Schluck Kaffee noch. Die Zukunft ist nicht gesetzt. Um ein letztes Mal auf unsere Allegorie zurückzukommen: Wir könnten den Kaffeesatz in höhere Sphären aufhelfen, zuhören, den Praktischen die Logik des Abstrakten lehren und den emotionalen Schleier dekonstruieren. Wir können fördern, dass die Abstrakten sich unter den Satz mischen, zum Beispiel mit einem mid-career Freiwilligen Praktischen Jahr. Vielleicht gehen wir aber einen ersten Schritt, wenn wir mal einen Kaffee trinken gehen mit jemandem, der nicht so denkt, lebt und arbeitet wie wir. Die Tasse Kaffee bleibt eine letzte gemeinsame Institution.

Yunus hat kürzlich sein erstes Buch, “Hubris and Concern – Could Distributed Ledger Technologies Replace Modern States?” veröffentlicht. Thematisch mögen Distributed Ledger Technologies, Blockchain & Co. von diesem Artikel soweit entfernt sein wie der Tee vom Kaffee. Doch im theoretischen Kern geht es um die gleiche Frage nach der Entstehung von Wahrheit. Eins sei daher schon verraten: Wenn wir Abstrakten weiterhin glauben, dass gute Forschung Wahrheit schafft, dann haben wir den Schuss der postmodernen Zeit nicht gehört. Wie Forschung an die Anerkennung als Wahrheit käme, welche Techniken dazu führen, dass das Eine als Wahrheit gilt und das Andere nicht, lässt sich in Hubris and Concern nachlesen. Hubris and Concern ist überall erhältlich wo es Bücher gibt.

Endnoten

1. Schwyzer, A. (2020). Heinz Bude über Corona. ‘Weltgeschichtliche Zäsur’. Abgerufen von https://www.ndr.de/kultur/Soziologe-Heinz-Bude-ueber-Corona-Weltgeschichtliche-Zaesur,corona2504.html am 29.06.2020.

2. Driessen, C. (2020). Tiefe Zäsur. Die Langzeitfolgen von Corona. Abgerufen von https://www.rnz.de/wissen/gesellschaft_artikel,-tiefe-zaesur-die-langzeitfolgen-von-corona-_arid,507456.html am 29.06.2020.

3., 4.Grabka, M. M., Göbler, K. & Brand, C. (2020). Der Niedriglohnsektor in Deutschland. Falle oder Sprungbrett für Beschäftigte? Abgerufen von https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2020/juli/niedriglohnsektor-sackgasse-statt-sprungbrett.

5. El-Mafaalani, A. (2020). Mythos Bildung. Die ungerechte Gesellschaft, ihr Bildungssystem und ihre Zukunft. Kiepenhauer & Witsch: Köln.

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