Ein alter Zopf? Über haarige Auswüchse der sogenannten „Cancel Culture“

Illustration: Martha Baer

Seit einiger Zeit entfaltet sich in mehreren Ländern eine Debatte über gesellschaftliche Bewegungen, die unter politischen Schlagwörtern wie „CancelCulture“ diskutiert werden. Zu beobachten ist eine hauptsächlich in sozialen Medien steigende Tendenz, Äußerungen oder Handlungen anderer als politisch inkorrekt, rassistisch oder sexistisch wahrzunehmen, zu werten und auch anzugreifen.

Bei der Wahl der Übersetzerin für die Übertragung Amanda Gormans Gedicht The hill we climb ins Niederländische, das sie zu Präsident Bidens Inauguration vortrug, hatte Gorman der Wahl der erfahrenen niederländischen Übersetzerin Rijneveld bereits zugestimmt, als in sozialen Netzwerken eine Protestwelle losbrach: Rijneveld sei weiß, habe selbst nie Rassismus erlebt und könne sich also mit dem Hintergrund Gormans Textes nicht identifizieren. Eine Person of Color sei für diese Aufgabe besser geeignet. Rijneveld gab den Übersetzungsauftrag ab und erklärte, sie habe niemanden verletzen wollen. Der Verlag bedankte sich bei ihr für diese Entscheidung.

Hier wird die Eignung einer Person für eine Aufgabe aufgrund der Hautfarbe in Frage gestellt. Das bedeutet, dass jemand auf seine Hautfarbe reduziert wird.

Fragen wir einmal anders herum: Wie wäre es, wenn der Text eines weißen alten Mannes von einer jungen schwarzen Frau übersetzt werden würde? Das würde womöglich Beifall ernten. Gleichberechtigung ist aber doch erst dann erreicht, wenn das Gleiche auch umgekehrt gilt: Wenn es nicht mehr als unangebracht gilt, wenn ein weißer alter Mann die Lyrik einer jungen schwarzen Frau übersetzt.

Auch sollte es nicht als unpassend gelten, wenn „alte, weiße Cis-Männer“ eine Demonstration für die Rechte junger, queerer Personen besuchen und unterstützen. Warum auch? Es kommt immer darauf an, was für Werte diese Männer vertreten. Das ist momentan keine Selbstverständlichkeit mehr. Wenn man nicht gleich gegen jene „alten, weißen Cis-Männer“ wettert – nicht gegen jene, die ihre Privilegien zum Nachteil anderer ausnutzen, wohlgemerkt, sondern einfach gegen ihre Existenz – , wird  man, vor allem in meiner Altersgruppe, der der „Millennials“, schnell als systemstabilisierend und antiliberal verurteilt.

Ähnliches wie die Protestwelle um Rijneveld ereignet sich in den verschiedensten Bereichen: Forderungen werden laut, dass in Filmen Transsexuelle nur noch von transsexuellen Schauspieler:innen gespielt werden sollen. Kochrezepte werden hinterfragt, wenn sie Traditionen anderer Kulturen übernehmen, sie praktisch „berauben“, als wäre Kultur ein Besitz; als wäre Kultur überhaupt nur innerhalb des jeweiligen Kulturkreises und nicht oft auch im wechselseitigen Austausch mit anderen entstanden. Wenn das, was hier als „Aneignung“ bezeichnet wird, schon vor hunderten von Jahren bekämpft worden wäre, hätten die lautesten Kritiker von heute nicht mal diese Schrift, mit deren Hilfe sie sich ereifern könnten: Die Römer „kupferten“ die lateinische Schrift von den Etruskern ab, die Zahlen wurden von den Arabern übernommen, deren System wiederum auf die indische Brahmi-Zahlschrift zurückzuführen ist.

Katy Perry wurde aufgrund ihrer Frisur die kulturelle Aneignung afroamerikanischer Traditionen unterstellt, weil sie ihre Haare zu dünnen Zöpfen geflochten hatte. Gibt es ein kulturelles Patent auf Zöpfe? Übrigens liegt der Ursprung dieser Zöpfe vermutlich eher im Indischen oder Ägyptischen, ehe sie von zahlreichen afrikanischen Kulturen übernommen und weiterentwickelt wurden.

Könnte man es nicht auch so sehen, dass durch dieses „mimetische“ Zöpfeflechten eine Schönheit erkannt und vielleicht gar eine Wertschätzung ausgedrückt wird? Muss man hier wirklich Bosheit und Machtanspruch unterstellen? Ein Star, der einfach und möglicherweise naiv eine schöne Frisur haben wollte, wird auf die gleiche Stufe mit einem skrupellosen Kunsträuber gestellt. Es ist problematisch, dass die Absicht hinter einer Handlung nicht berücksichtigt wird.

Oftmals kommen die lautesten Beschwerden über kulturelle Aneignung nicht von den angeblich „geschädigten“ Kulturen selbst. Es sei hier auf einen der ersten solcher Fälle verwiesen, der großes Medieninteresse erregte: Eine amerikanische Mutter wurde von einer Welle der Empörung überspült, nachdem sie eine Geburtstagsfeier für ihre Tochter im japanischen Stil, also mit traditioneller Kleidung und Teegeschirr, ausgerichtet hatte. Teil der anschließenden medialen Diskussion war auch der Ausspruch eines japanischen Mannes, der verständnislos anmerkte, er freue sich über die Wertschätzung seiner Kultur: Die einzigen Menschen, die denken, Kultur dürfe nicht geteilt werden, seien Rassisten.

Es soll nicht bezweifelt werden, dass sich das Fest Stereotypen und Klischees der japanischen Kultur bediente. Die Annäherung an das Fremde findet allzu oft wieder über diese statt, im besten Fall mit dem Ziel, sie durch nähere Auseinandersetzung und gegenseitigen Austausch zu überwinden. Dieser gerade für eine Demokratie so wichtige Austausch wird von vornherein durch den Vorwurf der Diskriminierung oder Aneignung verhindert. So bleibt der Blick auf das Fremde in genau den Stereotypen hängen, die ihm vorgeworfen wurden.

Wir würden uns so in einer Welt der klar gegeneinander abgegrenzten Gruppen und Kulturen wiederfinden. In einer Welt, in der davon ausgegangen wird, dass die Kulturen einander nicht verstehen können. So wird auch jede Form des gegenseitigen Interesses und der Empathie in Frage gestellt. Eine Übereinkunft über ein universelles Wertesystem, auf das sich eine aus verschiedenen kulturellen Hintergründen bestehende Gesellschaft stützt, ist so schwer realisierbar. Auf diese Weise können einzelne Gruppen und Parallelgesellschaften entstehen. Bekanntlich ist der Weg zu einer Wertung deutlich kürzer, wenn es bereits feste „Schubladen“ gibt. Dabei könnte es letzten Endes dazu kommen, dass viele Aktivist:innen nicht merken, dass sie genau das fördern, was sie zu bekämpfen glauben.

Diskriminiert werden meist Minderheiten von Mehrheiten, aber auch der umgekehrte Fall ist denkbar. Der sich nur auf Identität berufende Kampf gegen Diskriminierung beinhaltet das Dulden bestimmter Formen der Diskriminierung, indem es diese nicht als solche definieren will. Das trägt dazu bei, vorhandene Machtstrukturen zu festigen, anstatt sie zu überwinden. Der Fokus auf die ethnische Zugehörigkeit wird auf diese Weise verstärkt. Komplexität und Ambivalenz der Sachverhalte werden dabei oft unterschlagen.

Beispiele wie die Proteste gegen Kochrezepte oder Zöpfe legen den Schluss nahe, dass es nicht mehr nur um Inhalte geht. Es ist mitunter eine moralische Empörung, die sich im Recht sieht. Man kann dem zwar mit Argumenten zu begegnen versuchen, eine fruchtbare Diskussion wird vermutlich nicht erfolgen. Die scheint auch gar nicht erwünscht zu sein: Eine Lösung wird bei dem Beharren auf der Unhinterfragbarkeit des eigenen Rechts nicht erstrebt. Es ist deshalb kein Zufall, dass eine Vielzahl der Anschuldigungen kaum mit Argumenten, sondern auf der Basis empörter Emotionen vorgetragen werden.

Es wird keinesfalls bezweifelt, dass Diskriminierung in den verschiedensten Bereichen ein reales und großes Problem darstellt.

Auf eine sich in sozialen Netzwerken überwiegend aus sich selbst speisende Protestwelle aufzuspringen, ist einfach. Es bleibt zu hoffen, dass diejenigen, die gegen Zöpfe und Kochrezepte protestieren, es mit der gleichen Vehemenz gegen soziale Ungleichheit, gegen das Erstarken rechter Kräfte, gegen Armut, für das Klima, für Frauenrechte und für die Rechte der People of Color tun.

Denn das steht fest: Es muss sich vieles ändern.

2 Kommentare zu „Ein alter Zopf? Über haarige Auswüchse der sogenannten „Cancel Culture“

  1. Die amerikanische Soziologin Patricia Hill Collins begann einen Vortrag an der Universität Cambridge mit folgender Anekdote: nur wenige Minuten vorher, als sie das Gebäudes betreten wollte, hielten sie die beiden Pförtner auf – der Saal sei zum Bersten gefüllt und sie habe wenig Chancen noch einen Platz zu finden. Prof. Collins – international renommiert, hochdotiert und einflussreich – hatte Humor. Was die beiden Pförtner nicht ahnten: vor ihnen stand die Patricia Hill Collins auf ihrem Weg in eben jenen Vortragssaal, der ihretwegen zum Bersten gefüllt war und in dem sie sehnlichst erwartet wurde. Prof. Hill Collins ist eine schwarze Frau.
    Diese Situation in ihrer Tragik-Komik drückt für mich etwas aus, was im oberen Text meiner Meinung nach etwas vorschnell abgehandelt wurde: die Frage nach Gerechtigkeit.
    Um zu erklären muss ich einen kleinen Bogen machen. In Ein alter Zopf? Über die haarigen Auswüchse der sogenannten Cancel-Culture geht es um besagte Cancel-Culture und diese verstanden als social Media Phänomen, das vor Allem aus Shitstorms zu sozial-kulturell ‚sensiblen‘ Themen besteht. Das Phänomen wird dafür kritisiert, inkohärent und destruktiv zu sein und einem sehr verheerenden Freund-Feind oder Die/Wir – Schema zu folgen. Ganz allgemein ist das eine relativ unkontroverse These.
    Mir scheint allerdings, dass ein feiner Unterschied übersehen wurde. Die Autorin schreibt:
    „Fragen wir einmal anders herum: Wie wäre es, wenn der Text eines weißen alten Mannes von einer jungen schwarzen Frau übersetzt werden würde? Das würde womöglich Beifall ernten. Gleichberechtigung ist aber doch erst dann erreicht, wenn das Gleiche auch umgekehrt gilt: Wenn es nicht mehr als unangebracht gilt, wenn ein weißer alter Mann die Lyrik einer jungen schwarzen Frau übersetzt.”
    Hautfarbe, Herkunft und Geschlecht, so die Stoßrichtung, dürfen keine Rolle spielen, denn sonst ist es Rassismus. Denselben „Rassismus gegen Weiße“ müssen Menschen erfahren, die Opfer der Cancel-Culture würden – wie beispielsweise die Niederländerin Rijneveld, von der im oberen Absatz die Rede ist. Ob die Furore um Rijneveld gerechtfertigt war oder nicht sei einmal dahingestellt.
    In einer idealen Welt trifft diese einfach Rechnung wahrscheinlich zu: wenn jemand aufgrund seiner Hautfarbe anders behandelt wird, ist es Rassismus – im Guten und im Schlechten. Wir leben allerdings nicht in einer idealen Welt, weswegen diese Rechnung nicht aufgeht. Diese Gleichung bietet keine Kritik an, mit der man den real existierenden Machstrukturen begegnen kann.
    Polemischer ausgedrückt: aus einer weißen Perspektive Rassismus gegen Weiße anzuprangern, ist mehr oder weniger der Grund weswegen die britische Journalistin Reni Eddo-Lodge vor ein paar Jahren Why I’m no longer talking to white people about Race schrieb. Weiße, so die These, würden entweder argumentieren, dass Hautfarbe keine Rolle spiele(n dürfe) oder sie würden die Bedeutung dessen, was es heißt, eine person of colour grotesk missverstehen. [1] Was es beim Kampf um Gerechtigkeit brauche, so Eddo-Lodge weiter, sei nicht das Ignorieren von Hautfarbe, sondern genau das Gegenteil: Hautfarbe, Herkunft und Geschlecht müssen radikal im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen.
    Bereits im Jahr 1968 weist James Baldwin genau darauf hin. Baldwin wird von einem (weißen) Philosophieprofessor aus Yale gefragt, weshalb er denn ständig auf der Hautfarbe herumreiten würde. Er, der Yaler Philosophieprofessor, habe doch mit einem schwarzen Akademiker wie Baldwin viel mehr gemein als mit einem weißen Antiintellektuellen? Warum diese „künstliche“ Trennung zwischen „schwarz und weiß“? Baldwins unglaublich eloquente Antwort ist:
    „When I left this country in 1948 – I left this country for one reason only […]. I didn’t care where I went […] [I] ended up […] on the streets of Paris with 40 dollars in my pocket and a theory that nothing worse could happen to me there that had already happen to me here.” [2]
    In Amerika (damals wie heute) kann Hautfarbe im wahrsten Sinne des Wortes über Leben und Tod entscheiden. Im oberen Zitat spielt Baldwin darauf an, dass er selbst aus den USA ausgewandert sei, weil es ihm überall anders nur besser gehen konnte.
    Zusammenfassend ist Rassismus gegen Weiße ein schwieriges Konzept. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass es keinen Rassismus gegen Weiße gibt – wenn man Rassismus ganz allgemein als strukturelle Benachteiligung sozialer Gruppen mit bestimmten physischen Merkmalen versteht. Denn es ist einfach nicht so, dass Weiße strukturell benachteiligt werden.

    [1] https://www.theguardian.com/books/2017/jun/03/why-no-long-talking-white-people-review-race-reni-eddo-lodge-racism; zuletzt aufgerufen am 8.6.21; 13:00
    [2] https://www.youtube.com/watch?v=3y6xwH88kpg; zuletzt aufgerufen am 8.6.21; 13:00

    Gefällt 1 Person

  2. In voller Zustimmung zu den Punkten, die Tizia Rosendorfer oben im Bezug auf den Artikel „Ein alter Zopf?“ angeführt hat, möchte ich gerne noch eine, wie ich finde, sehr hilfreiche Auseinandersetzung damit, was Cancel-Culture eigentlich ist, anfügen:

    YouTuberin ContraPoints (Natalie Wynn) hat die Cancel-Culture über 7 Kriterien definiert [1]: Schuldsvermutung, Abstraktion, Essentialismus, Pseudo-Moralismus bzw. Pseudo-Intellektualismus, Kein Verzeihen, die Transitive Qualität des Gecanceltwerdens und Dualismus.
    Ich versuche hier, kurz zusammenfassen, was sich hinter diesen Schlagwörtern verbirgt: ‚Schuldsvermutung‘ bedeutet, als Umkehrung der klassischen Unschuldsvermutung, dass Angeklagte so lange und meistens noch länger als schuldig betrachtet werden, bis sie ihre Unschuld beweisen konnten. Eine in der digitalen Sphäre verbreitete Anklage muss also nicht belegt oder solide fundiert werden, bevor sie als wahr angenommen wird. ‚Abstraktion‘ bedeutet, dass konkrete Vorwürfe schnell in abstrakte umgewandelt werden, sodass aus einer unvorsichtigen Formulierung ganz schnell ein abstrakte Anklage wegen -ismus oder -phobie wird. ‚Essentialismus‘ macht den nächsten Schritt: Person X hat dann nicht mehr „nur“ eine rassistische oder homophobe Äußerung getätigt, sondern ist Rassist oder homophob. ‚Pseudo-Moralismus‘ drückt aus, wie eigennützige oder emotionale Beweggründe, eine Person zu canceln, sich hinter einer angeblich reinen moralischen Einstellung verstecken können. ‚Kein Verzeihen‘ ist selbsterklärend: Cancel-Culture schließt die Möglichkeit aus, dass Menschen aus ehrlichen Fehlern ehrlich lernen und sich bessern können, was sich im Grunde direkt aus Schuldsvermutung, Abstraktion und Essentialismus ergibt. Es stellt hiermit radikal infrage, wozu jemanden zu canceln überhaupt gut sein kann, wenn für niemanden die Möglichkeit besteht, aus Kritik zu lernen. Einschränkend muss allerdings angemerkt werden, dass Canceling zumindest potenziell dazu gut sein könnte, dass jemand in der analogen Welt zur Verantwortung gezogen wird, der sich dieser sonst hätte entziehen können, sodass auf die vigilante justice des Canceling, würde es lediglich in solchen, kriminellen Fällen angewendet – wobei die kriminelle Handlung durchaus Diskriminierung sein kann, nebst beispielsweise des klassischen Falls der sexuellen Belästigung –, demokratisch legitimierte Rechtsprozesse folgen müssten. Die ‚Transitive Qualität des Cancelling‘ beschreibt, dass man auch durch noch so lose Assoziation mit gecancellten Menschen selbst gecancelled werden kann. Und ‚Dualismus‘ drückt das aus, worauf der obige Artikel einen meines Erachtens nach zu schweren Fokus legt: Die Wir-gegen-sie- oder Wir-gegen-den-Feind-Mentalität. Wynn fasst zusammen: „So look, cancelling is not criticism. It’s not holding someone accountable. It is an attack on a human being.“

    Es dürfte eine unkontroverse These sein, wie auch Rosendorfer schreibt, dass eine solche Kultur vor allem destruktiv ist. Die Merkmale der Cancel-Culture, wie Wynn sie ausformuliert, machen deutlich, dass auf diese Weise jeglicher konstruktive Diskurs blockiert wird: Von vorherein wird ausgeschlossen, dass Menschen ihre Meinung aufgrund von fundierter Kritik und der Konfrontation mit Positionen, von denen sie vielleicht noch nie gehört hatten oder mit denen sie sich noch nie beschäftigt hatten, ändern können und dass wir voneinander lernen können, einander zu respektieren, über den eigenen Horizont zu blicken und bessere Menschen zu werden.
    Bedacht werden muss allerdings auch, aus welcher Motivation sich die Cancel-Culture entwickelt hat, was ebenfalls von Wynn thematisiert wird: So war zunächst ein Bestreben da, Menschen zur Verantwortung zu ziehen, die aufgrund ihrer klaren Machtposition nicht zur Verantwortung gezogen werden konnten, wie berühmte Filmproduzenten, Multimillionäre und Präsidenten. Es entstand eine Art vigilante justice jenseits etablierter Systeme, weil diese Systeme marginalisierten Menschen nicht die notwendige Unterstützung beim Streben nach Gerechtigkeit boten und bieten.

    Ohne Zweifel ist der Diskurs ausgeartet und dieses Ziel wird inzwischen in der Regel verfehlt. Mit ihrer Kritik scheint die Autorin des Artikels auch auf einige wichtige Punkte einzugehen: So ist es richtig, dass die Komplexität von Situationen meist drastisch reduziert wird, dass Anschuldigen häufig auf Emotionen und nicht Argumenten basieren, dass von einer „Protestwelle“ gesprochen wird, auf die aufzuspringen (besonders in der relativen Internet-Anonymität) leicht ist, dass Absichten hinter als problematisch festgestellten Handlungen selten berücksichtigt werden und dass die Wir-gegen-die-Mentalität für den Austausch nicht förderlich ist. Was aber auch nicht vergessen werden darf, wenn über Cancel-Culture, kulturelle Appropriation und ähnliche Themen gesprochen wird, sind die Machtdynamiken, die dem Ganzen inhärieren. Und es bleibt fraglich, ob man Debatten um scheinbar trivialere Dinge wie kulturelle Repräsentation und politisches Engagement gegen soziale Ungleichheit wirklich sauber trennen kann. In jedem Fall sind dies Gespräche, die geführt werden müssen. Wichtig scheint mir, dass wir eine Diskurs-Kultur entwickeln, in der offen über Werte gesprochen werden kann; an der alle partizipieren können, insofern es ihnen gelingt, andere mit Respekt zu behandeln, und in der wir anerkennen, dass Menschen fehlbar sind, was eine zweifache Implikation haben muss: Einerseits muss jede:r für sich und seine Handlungen Verantwortung tragen, andererseits müssen wir aber auch anerkennen, dass Menschen lernfähige Wesen sind und ihnen dazu die Chance geben. Solange unsere Gesellschaft aber derart ungleich ist, dass manche Stimmen einfach weniger gehört werden als andere, vor allem in denjenigen politischen und kulturellen Bereichen, die einen echten Einfluss auf das Leben von Menschen haben – und die Übergänge sind fließend –, müssen wir auch produktive Möglichkeiten schaffen, marginalisierte Stimmen zu verstärken und gut aufpassen, wie der Begriff der Diskriminierung verwendet wird: ob er nicht zu schnell eine Möglichkeit wird, denjenigen, die es brauchen, das Mikrophon zu entreißen.

    Für alle gilt meines Erachtens nach: Je schneller wir die Cancel-Culture überwinden und zu konstruktiver und respektvoller Kritik finden, die unsere Gesellschaft und unseren Diskurs nachhaltig verbessert, desto besser.

    [1] In diesem ganzen Kommentar beziehe ich mich auf ein Video von ContraPoints mit dem Titel „Canceling“, von dem ein Transkript hier zu finden ist: https://www.contrapoints.com/transcripts/canceling (zuletzt geprüft am 12.06.2021).

    Gefällt mir

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s