Funzel-Jahresrückblick/Letze Worte/Nächstes Jahr wird‘s auch nicht besser

Für die Funzel begann das Jahr mit einem Knall, gefolgt von einem Nachhall und danach: Stille. Im Januar war die vierte Ausgabe Future erschienen und im Schloss Suresnes kräftig begossen worden. Gekommen sind ungefähr hundert Leute. Die Stimmung war ausgelassen, aufgeregt, euphorisch. Denn mit jeder Releaseparty ist die Funzel um einige wertvolle Interessenten, Ideen und Autor*innen reicher. Das Coronavirus breitete sich zu der Zeit in China schon rasant aus und würde uns in kurzer Zeit einholen. Einige Wochen später: Lockdown, Ungewissheit, Ostern über Zoom. Jared Leto hat von dem Ernst der Lage erst zwei Wochen später erfahren, weil er ohne Handy in der Wüste meditieren war. (Geil.)
Die Einschränkungen bedrohten den Kern der Funzel: eine Gemeinschaft von Philosophieinteressierten, die zusammen Texte schreiben, Kunst machen, Ideen verwirklichen. Das „Projekt Funzel“ war gerade aus dem Anspruch entstanden, das Philosophiestudium weniger vereinzelt und individualistisch zu gestalten. Jetzt war gerade die ungünstigste aller Situationen eingetreten: jeder alleine, für sich, zuhause, vor dem Laptop. Na toll. Den Zusammenhalt nicht zu verlieren, war in diesem Jahr vielleicht die größte Herausforderung. Ungefähr hundert Jahre später als die Spanische Grippe in Europa sind wir aber trotzdem besser dran: wir haben das Internet. Während der Lockdowns entstanden neue Formen des digitalen Zusammenlebens. Abhängen mit Freunden über Zoom und Jitsi, Arbeiten auf digitalen Schreibtischen wie Trello. Wie verbunden du mit den anderen bist, hängt von deiner Bandbreite ab. Dass das Internet jetzt wirklich zum unerlässlichen Bestandteil unserer Leben geworden ist, haben wir schamlos ausgenutzt, indem wir zu unabhängigen Videokünstlern avanciert sind. Das Ergebnis findet ihr auf unserer Facebookseite!
Ende Mai ermordet ein Polizist den Afroamerikaner George Floyd. Sein Tod ist kein Einzelfall, aber dieses Mal läuft das Fass über. Auf der ganzen Welt brechen Proteste aus – viele Menschen sind schockiert, fassungslos und wütend. In Polen wird ein Gesetz verabschiedet, das Abtreibung verbietet. Vielleicht war 2020 auch ein „Gap-year“ irgendwo im tiefsten Mittelalter. Werden im nächsten Jahr rothaarige Frauen verbrannt?
Der Sommer bereitete uns eine unverhoffte Pause von Pandemie, Politik und Zivilisation. Die Infektionszahlen gingen so weit zurück, dass wir spontan eine Sommerakademie in Arfrade bei Lübeck veranstalten konnten. Diesmal ohne finanzielle Förderung, aber mit noch mehr Begeisterung. Unser Thema: Humanismus. Eine zentrale Beobachtung in der Diskussion: Während humanistische Theorie stets einen Mittelweg zwischen unrealisierbarem Idealismus und inhaltlicher Selbstaufgabe suchen muss, ist die humanistische Praxis stets durch politische und gesellschaftliche Umstände bedroht – ein fragiles Versprechen, das von jeder Generation neu gegeben und eingelöst werden muss. (Genaueres ist auf unserem Blog zu finden: https://diefunzel.com/veranstaltungen/.)
Im späten Herbst begann wieder die Arbeit an der sechsten Ausgabe. Das Thema diesmal passenderweise: Cosmos. Denn, wenn in Zeiten des Aufruhrs sich viele Selbstverständlichkeiten in ihrer radikalen Kontingenz entblößen, stehen die Grundfesten unseres Weltzugangs zur Diskussion. Truly historical circumstances. Da steht natürlich auch die Frage im Raum, wie kritisch die eigene Perspektive eigentlich ist. Klar, es ist scheiße, die Vorlesung auf dem Mac anzusehen und den Lieferprosecco mit den Mitbewohnern zu trinken. Aber zwischen denen, die es zuhause gemütlich haben und denen, die um Leib und Leben bangen müssen – in Lesbos, zuhause, wegen einem gewalttätigen Partner oder einem erhöhten Risiko für die eigenen Gesundheit – besteht eben ein Unterschied. Es ist schwierig, für diejenigen zu klatschen, die an der Front gegen das Virus kämpfen. Nicht, weil wir nicht dankbar sind, sondern weil sich Dankbarkeit nicht in kitschigen Gesten ausdrücken lässt.
Zusammenfassend könnten die Pessimisten sagen: 2020 ist nicht so gut gelaufen. Wenn man auf die großen Hauspartys und Raves heute Abend verzichten muss, ließe sich in Selbstmitleid wirklich versinken: Klimawandel wird krasser, autoritäre Regime gibt es immer noch, Rassismus auch. Nächstes Jahr wird bestimmt nicht besser. Die Optimisten könnten dem letzteren zustimmen, aber aus anderen Gründen. Wenn man der exzentrischen Meinung des britischen Spectators Glauben schenkt, war 2020 das viertbeste Jahr der Menschheitsgeschichte. Naja. Das kann 2021 dann wohl kaum noch toppen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s