Eine Sinnsuche zwischen Nietzsche, Schopenhauer und Siddhartha

Laut Arthur Schopenhauer leben wir in der schlechtesten aller möglichen Welten. Leid, Kontingenz und Fremdbestimmtheit können wir nur überwinden, wenn wir zurückgezogen von der Welt ein asketisches Leben führen. Auch Nietzsche sieht uns – mit der Sinnlosigkeit unseres Daseins konfrontiert – vor dem Nichts stehen; seine Antwort darauf ist allerdings nicht der Rückzug aus der Welt, sondern die Zuwendung zu ebendieser. Sich tief entschlossen für dieses Leben zu entscheiden, um Trost in der Kultur zu finden. Welcher der beiden Denker hat die besseren Antworten auf die Sinnfrage für uns Abkömmlinge des 21. Jahrhunderts? Askese oder Ekstase, das ist hier die Frage! Warum eigentlich nicht beides?

Friedrich Nietzsche, der sich inspiriert von Schopenhauer erst in Pessimismus und Nihilismus flüchtete und später dem Nichts eine radikale Lebensbejahung entgegensetzte, wollte der Trost- und Sinnlosigkeit des Daseins die Freuden der Kultur entgegensetzen, um zumindest zeitweise dem leidgefüllten Leben zu entfliehen. Es einem höheren Sinn unterzuordnen, Großes zu vollbringen und doch notwendig daran zu scheitern. Allerdings waren seine Schriften – auch und vor allem in Bezug auf den Sinn des Lebens – nicht als zu verallgemeinernde Empfehlungen gedacht. Nietzsche war ganz dem Individuellen verschrieben und ließ eine kollektive Sinnsuche, wie sie etwa von Religion oder Wissenschaft angeboten wird, keinesfalls gelten:

„[W]ozu du Einzelner da bist, das frage dich, und wenn es dir Keiner sagen kann, so versuche es einmal, den Sinn deines Daseins gleichsam a posteriori zu rechtfertigen, dadurch dass du dir selber einen Zweck, ein Ziel, ein ‹Dazu› vorsetzest, ein hohes und edles ‹Dazu›.“[1]

Im Gegensatz zu Schopenhauer, der nur die Möglichkeit sah, sich der ganzen materiellen Welt zu entziehen und gleichsam asketisch sein Dasein zu fristen, heißt uns Nietzsche – zumindest was sein Frühwerk angeht – das Leben ohne Rücksicht auf Konventionen in vollen Zügen genießen. Die Kultur, allen voran die bildende Kunst und die Musik, hält er für eine „wohltätige Illusion“, die wir uns, wie schon die alten Griechen das taten, dienstbar machen sollen, um dem grundlosen Dasein zeitweise zu entfliehen.[2] Auf die heutige Zeit umgemünzt könnte man den frühen Nietzsche wie folgt interpretieren: Jeder Mensch, der sich die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach seinem Daseinsgrund stellt, wird schnell feststellen wie verloren und hilflos wir dem Nichts gegenüberstehen. Wir wurden völlig unverschuldet und ungefragt in eine Welt voller Leid und Trug hineingeworfen, der man nur schwerlich einen Sinn aberkennen kann. Leben heißt leiden! Aber wir können hinausgehen und die kulturellen Errungenschaften erleben und uns an Kunst, Theater und Musik erfreuen. Wir können uns dem dionysischen Rausch im apollinischen Kleid hingeben und so zumindest vorübergehend den Nihilismus überwinden. Geh raus, lebe, verschreibe dich einem größeren Ganzen – selbst, wenn du am Ende doch zum Scheitern verurteilt bist!

Schopenhauers Diagnose lautete ähnlich, aber seine Schlussfolgerung war eine andere. Für ihn war die Welt an sich ein Ort des Unglücks und Leids. Der Wille war für ihn der primäre Wesensgrund der Welt, der auf Wohlsein, Sexualität und Fortpflanzung gerichtet ist. Diese zutiefst egoistischen Motive machen den Willen, der niemals befriedigt werden kann, zu einer ewigen Quelle des Leidens. Dieser Egoismus – und somit das Leid – kann nur durch freiwillige Weltentsagung und völlige Askese überwunden werden. Nur der Asket kann im Nichts aufgehen und Erfüllung finden.[3]

Die Antworten der beiden Denker auf die Frage nach einem sinnvollen und erfüllten Leben, fallen sehr unterschiedlich aus – auch wenn es durchaus Gemeinsamkeiten gibt (so lässt auch Schopenhauer eine momentane Aufhebung des Egoismus durch die Kunst zu). Überspitzt könnte man sagen: Nietzsche predigt uns Ekstase durch Kultur, wogegen Schopenhauer uns die Entsagung von der Welt durch vollendete Askese nahelegt. Ersteres wird sich für die meisten noch verlockender anhören und, wenn man sich unsere Welt ansieht, ist das auch eindeutig das erfolgreichere Modell. Die überwiegende Mehrheit der Menschen lechzt nach Vergnügen, Konsum und Bespaßung, während ein asketischer Lebensstil eher die Ausnahme bleibt. Und doch sind die Regale in Buchhandlungen voll mit Ratgebern alla: „Endlich ein erfülltes Leben führen“ und „Wie Sie den Sinn des Lebens finden“. In Blogs und Internetforen ist das Thema ‚Sinnsuche‘ ebenfalls allgegenwärtig. Ein erfülltes Leben auf Basis eines asketischen Lebensideals zu erreichen scheint hingegen die wenigsten zu überzeugen. Es ist schon etwas paradox, dass sich viele Menschen zwar nach einem Leben abseits des Hamsterrades sehnen, allerdings nicht bereit sind, auch nur ein Quäntchen Verzicht zu üben. Wo doch offensichtlich der übermäßige Konsum die Wurzel dieser Sinnentleerung ist. Aus Angst etwas zu verpassen, tauschen wir erst unsere wertvolle Zeit gegen Geld ein, um damit wiederum von der Werbung propagierte Güter und schnelles Vergnügen zu bekommen. Insbesondere in der westlichen Welt übt die Mainstream-Gesellschaft anscheinend so großen Druck auf das Individuum aus, dass dieses sich kaum noch traut, nach intrinsischen Zielen, Werten und Vorstellungen zu leben. Mäßigung, Verzicht und Abstinenz könnten hier Teil einer zugegeben radikalen Lösung sein.  Aber auch ein Leben ganz nach asketischen Idealen – so das denn auch wirklich besser funktioniert als ersteres – hat ein großes Manko: Würden sich alle danach ausrichten, wäre die Menschheit mangels Fortpflanzung bald Geschichte. Das Problem mit der Sinnsuche wäre dann zwar aus der Welt geschafft, aber das kann ja auf diese Weise auch nicht im Sinne des Erfinders sein. Welcher Weg bleibt uns also noch? Warum eigentlich nicht Askese und Ekstase?

Im Hinduismus ist das Leben in vier Stadien geteilt und beide Konzepte finden Berücksichtigung. In den ersten beiden Stadien führt der Hindu ein normales Leben. Die ganz normalen Freuden des Daseins zu genießen stellt kein Problem dar und ist sogar erwünscht. Erst in den beiden letzten Stadien zieht man sich immer weiter in eine asketische Lebensweise zurück, die am Ende auch Fasten bis zum Tod beinhalten kann. Im Buddhismus sollen diese Extreme vermieden werden und eher ein Leben der Mitte (weder Zügellosigkeit noch Selbstkasteiung) geführt werden. Diese lineare und unflexible Einteilung der Lebensabschnitte wirkt auf mich zu starr und unflexibel für eine Integration in moderne westliche Lebensentwürfe. Besser geeignet scheint mir der folgende, auf der fiktiven Lebensgeschichte Buddhas basierende Entwurf von Hermann Hesse.

In der 1922 erstmals erschienenen Erzählung Siddhartha führt der gleichnamige Protagonist auch ein Leben zwischen den beiden Polen Askese und Ekstase. Im Anschluss an eine extrem heteronome Kindheit lebt er erst als Waldmensch und Bettler in vollständiger Askese, bevor es ihn in die große Stadt zu den „Kindermenschen“ zieht, wo er sich völlig der Ekstase und den Freuden des Lebens hingibt. Dort ist er Liebhaber, reicher Kaufmann und Glücksspieler, bevor er wieder auf Wanderschaft geht und schließlich Gehilfe eines Fährmanns wird. Er erfährt von seinem Sohn und kümmert sich eine Zeitlang um ihn, bevor beide im Streit wieder auseinandergehen. Bei seinem Mentor, dem Fährmann, lebt Siddhartha wieder ein Leben des Verzichts und der Askese, bis er selbst Fährmann und schließlich Erleuchteter wird. Und die Moral von der Geschichte: Keines der beiden Ideale – weder Askese noch Ekstase – führt allein zur Erleuchtung respektive zu einem sinnerfüllten Leben.

Eine Möglichkeit, dieses Konzept auf unser heutiges Leben umzumünzen – Siddhartha spielt im 6. Jh. v. Chr. – wäre die Folgende: Auf Phasen der Ekstase, wo wir die egoistischen Motive des Willens ausleben und das Leben und die Kultur in vollen Zügen genießen, immer wieder kürzere Phasen der Rücknahme folgen zu lassen. In diesen muss niemand in vollständiger Askese leben, sich aber etwas zurückziehen und den Blick von der Außenwelt weg in sich selbst richten. D.h. in sich zu gehen und sich Gedanken über das eigene Leben, die eigenen Ziele und Wünsche machen. Die Länge der einzelnen Phasen wäre individuell und situativ unterschiedlich. Viel wichtiger ist es, sich überhaupt die Zeit zu nehmen nach bestimmten Lebensabschnitten zur Ruhe zu kommen und aufgrund der gemachten Erfahrung zu reflektieren und die eigene Kompassnadel immer wieder neu auszurichten. Die Folge könnte ein neues Bewusstsein für unsere ganz persönlichen Bedürfnisse und Wünsche an ein erfülltes, sinnvolles Leben sein – sich den Sinn des eigenen Lebens immer wieder a posteriori neu erschließen. In unserer hektischen Welt, die ständig zwischen den Polen einer Spaß- und Leistungsgesellschaft hin und her schlägt, wäre das wohl wichtiger als je zuvor.

Illustration von @derhannespfeiffer


[1] Nietzsche Friedrich (1874): 2. Unzeitgemässe Betrachtungen, 9. Abschnitt, in: Digitale Kritische Gesamtausgabe Werke und Briefe (eKGWB), hg. von Paolo D’lorio, unter: http://www.nietzschesource.org .

[2] Siehe hierzu u.a.: Sommer Andreas Urs (2017): Nietzsche und die Folgen, Stuttgart, J.B. Metzler; S. 2-39.

[3] Siehe hierzu u.a.: Höffe Otfried (2008): Klassiker der Philosophie. Zweiter Band, München, C.H. Beck; S. 86-97.

3 Kommentare zu „Eine Sinnsuche zwischen Nietzsche, Schopenhauer und Siddhartha

  1. Einen Sinn braucht man nicht zu suchen. Er steckt und wächst in Dir, in der intrauterinen Nacht. Jeder wird mit ihm geboren. Der Klang ist auch Sehnsucht nach der Zeit, in der alles nur Klang war. Dem idealen KLangraum, dem traumhaften Konzert. Aber das Leben läuft oft genug daneben. Es bieten sich so viele Sinn-Surrogate, da kommen wir schon mal auf Ab-Wegen. Aber selbst diese Abweichungen zu erkennen, zu spüren, zeigt eben, das wir einen eignen Sinn, einen inneren Sinn-Seismographen haben. Das wir ganz Sinn sind. Nennen wir ihn ersatzweise meine Lebens-Symphonie, das wir in allem einen „Klang“ folgen. Unserem Klang. Wenn man großzügig festlegt, das auch Dinge, Räume, Menschen, Sachen, Situationen „klingen“, dann reflektiert vieles unseren Sinn. Der Sinn wird dann in der Übereinstimmung meines inneren Klang`s und dem was in und aus den Dingen die mich aktuell umgeben klingt. Der Sinn des Lebens ist leben im Gleichklang.

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