Ich oder die Anderen

Nach dem Abi oder Studium… erst einmal reisen gehen oder einen Freiwilligendienst absolvieren? Entwicklungshilfe studieren oder Surflehrer in der Karibik werden? In der Freizeit Klavier lernen oder der Freiwilligen Feuerwehr beitreten? Als CEO eines großen Unternehmens arbeiten oder im Altenheim? Sich an einem heißen Nachmittag ein Eis gönnen oder die zwei Euro spenden? Einsam als Holzfäller in Kanada leben oder als Menschenrechtsaktivist in Kriegsgebiete reisen?

Oft scheinen bei Lebensentscheidungen zwei Gedanken miteinander im Konflikt zu stehen: Hier das Streben nach dem eigenen Glück, dort das Glück von anderen Menschen beziehungsweise der Allgemeinheit. Beides zu verbinden, ist nicht immer möglich: Jeder Mensch hat nur eine gewisse Lebenszeit zur Verfügung, die genutzt werden kann. Es müssen Prioritäten gesetzt werden. „Wie und für was will ich diese Lebenszeit einsetzen?“, „Was will ich vom Leben?“, „Was will ich im Leben erreichen?“, sind Fragen, die spätestens nach dem Ende der Schullaufbahn ganz natürlich aufkommen. Im Lebensabschnitt zwischen Schule und Beruf werden oft Weichen gestellt, die die Antworten darauf vorwegnehmen. Denn nicht jeder muss und kann diese Fragen für sich beantworten, doch die Entscheidungen, die eine Person trifft, tragen die Antworten bereits implizit in sich, auch wenn sie nicht bewusst artikuliert werden. Was jemand studiert, beeinflusst vermutlich die spätere Berufswahl; wie jemand seine Zeit verbringt, kann nicht rückgängig gemacht werden. Und oft bewegt sich das Verhalten zwischen zwei Polen: Ich oder die Anderen.

Der Konflikt zwischen den beiden extremen Lebensentwürfen, entweder sein eigenes Glück zu finden oder sich in den Dienst der Menschheit zu stellen, wurde im Prinzip schon in der Antike zwischen Epikureern und Stoikern ausgetragen. Während der manchmal als „Gartenphilosophie“ verspottete Epikureismus, so eine vereinfachende Interpretation, den Rückzug in die eigenen Angelegenheiten propagiert, weil der Mensch im Weltganzen ohnehin nur ein kleines Rädchen sei, widmet sich der Stoiker dem öffentlichen Leben und stellt sich ganz in den Dienst des Staates. (Dabei haben beide Schulen eigentlich ein gleiches – oder zumindest ähnliches – Ziel: Im Epikureismus heißt es ataraxia, bei den Stoikern apatheia, was beides etwa mit „Seelenruhe“ oder „Unerschütterlichkeit“ übersetzt werden kann.) Letzteres erinnert an Platon, der zur Natur des Menschen feststellt, der Mensch sei zoon politikon – ein soziales, politisches, gemeinschaftsbildendes Wesen. Diese Auffassung scheint auch der heutige Alltagsverstand zu teilen. Intuitiv würden wohl viele von sich sagen: „Klar möchte ich anderen Menschen helfen!

Gerade in Zeiten des Klimawandels ist die Frage nach dem Lebensstil wohl wichtiger denn je geworden. Wir alle sind Generationen zugehörig, die vielleicht gerade noch die Möglichkeit haben, die sich wandelnde Welt und die extremen Folgen für die Menschheit zu ignorieren, hinzunehmen. Denn die Ironie des Klimawandels ist ja, dass er die ärmsten Regionen der Erde zuerst trifft und die Hauptverursacher lange unbeschadet lässt. In Deutschland gehören wir zu einer Gesellschaft, welche die Möglichkeit hat, sich abzuschotten – eine Gesellschaft, in der viele reich genug sind, sich einen Pool in den Garten zu bauen, Kühlanlagen zu installieren und benötigte Güter zu importieren. Wenn man den Gedanken an die folgenden Generationen außer Acht lässt, weil man zum Beispiel selber keine Kinder bekommen will, könnte man sich seinem privaten Glück widmen, ohne sich überhaupt von Problemen wie dem Klimawandel belästigen zu lassen. „Man kann ja sowieso nichts daran ändern“, „wenn es richtig schlimm wird, lebe ich eh nicht mehr“, „jeder hat nur ein Leben und ich möchte es genießen“, „die Probleme sollen diejenigen lösen, die sie verursacht haben, nicht ich“, „es gibt genug andere, die sich darum kümmern“ – wer hatte nicht schon einmal einen dieser Gedanken? Es ist verlockend, sich an einen Ort zu denken, der frei von den Sorgen der Massen ist – nach dem Motto: wenn es wirklich zu schlimm wird, steige ich aus und werde Einsiedler. – Doch würde man damit nicht seine Menschennatur verleugnen, wenn der Mensch tatsächlich zoon politikon ist? Und kann jemand glücklich werden, der nicht gemäß seiner eigenen Natur lebt? Denn ob dieses Verhalten nun legitim oder verwerflich ist – müsste man nicht sehr abstumpfen, ja einen großen Teil der Welt ausblenden, um auf diesem Wege sein Glück zu finden?

Zumindest gibt es konkrete Beispiele von Menschen, die sich sicher sind, nicht glücklich werden zu können durch Ausblenden und Zurückziehen. Ein bekannter Fall ist die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg: Das Glück „der Anderen“ (der 7,8 Milliarden Mitmenschen auf der Erde) ist aufs Engste verknüpft mit ihrem eigenen, individuellen Glück. Die Bedrohung der Menschheit verursacht ihr ganz persönlich und individuell Angstzustände. Thunberg ist es, auch aufgrund ihres Asperger-Syndroms, nicht möglich, sich „in den Garten zurückzuziehen“, wie es Epikur vielleicht empfohlen hätte, das Weltproblem des Klimawandels wirkt sich direkt auf ihre Psyche aus. Statt im Nichtstun zu verzweifeln, weil es ihr nicht möglich ist, den Klimawandel einfach auszublenden, findet Thunberg ihre Erfüllung im Aktivismus – im Kampf gegen ein kollektives Problem, für sich und für andere.

Doch ist jemand wie Greta Thunberg da nicht eher eine Ausnahme? Wie weit kann diese Verquickung des eigenen Wohls und des Wohls der Weltgemeinschaft gehen? Ist es denn wirklich möglich, selbst glücklich zu werden, wenn man sich vollkommen in den Dienst der Menschheit stellt, wenn man seinem eigenen Glück zugunsten einer guten Sache entsagt? Klimaaktivist*innen erzählen oft, wie frustrierend es sein kann, immer und immer wieder auf taube Ohren zu stoßen. Jeden Freitag auf Demonstrationen zu gehen, ohne dass die Politik sich signifikant ändert. Initiativen engagieren sich seit Jahrzehnten gegen Rechtsextremismus, wobei sich ihre Mitglieder*innen teils großen Gefahren aussetzen, Morddrohungen erhalten und im Internet angefeindet werden, nur um dann – wie 2019 – die Wahlergebnisse der AfD zu sehen. Menschenrechtsaktivist*innen werden jeden Tag mit neuen Menschenrechtsverletzungen konfrontiert und psychischen Belastungen ausgesetzt. Kämpfer*innen für eine bessere Welt verzweifeln, weil die Aufgabe schier unlösbar ist und für jedes erreichte Ziel zwei neue Probleme hinzukommen. Die Welt zu perfektionieren ist nicht möglich – schon gar nicht für das einzelne Individuum – und doch ist eine möglichst „gute“ Welt das Ideal, nach dem viele Menschen streben, die sich für eine „gute Sache“, den  „guten Zweck” einsetzen. Um wirklich einen Unterschied zu machen, müssen oft große Opfer gebracht werden. Die Menschen, die sich diesem Ziel hingeben, machen – zumindest scheint es so – Abstriche in ihrem persönlichen Streben nach Glück. Auch hierfür könnte man Greta Thunberg und andere Klimaaktivist*innen als Beispiel heranziehen, die eine unbeschwerte Jugend zugunsten eines unermüdlichen Kampfes für Maßnahmen gegen den Klimawandel aufgeben.

Wenn man sich zwischen den Extremen entscheiden müsste, selber glücklich zu werden oder einen wirklichen, positiven Unterschied für andere Menschen zu machen, dann hängt die Antwort sehr von der Interpretation des „Glücks“ ab. Ist „Glück“ materiell messbar oder nur in der Selbstfindung, vielleicht sogar einem „Höheren“ als das Diesseitige erreichbar, dann ist die Frage wohl tatsächlich ein Entweder-oder. Doch wenn man „Glück“ als „erfülltes Leben“ interpretiert, vielleicht sogar als ein der Menschennatur des zoon politikon entsprechendes Leben (wir erinnern uns, das öffentliche Leben durch Hingebung an den Staat), dann ist das eigene Glück und das der „Anderen“ in irgendeinem Maße untrennbar miteinander verbunden. Ein Mensch, der in seinem ganzen Leben nur mit sich selbst beschäftigt ist, kann, so scheint es, schwerlich Erfüllung erlangen.

Für Klimaaktivist*innen mag es frustrierend sein, immer und immer wieder auf taube Ohren zu stoßen, doch sie können womöglich Erfüllung finden in dem, was sie machen – im vereinigten Kämpfen für ein Ziel, in der Überzeugung, „etwas Gutes“ zu tun, im Beitrag zu einer besseren Welt. Für humanitäre Helfer*innen mag die psychische Belastung in Kriegsgebieten unmenschlich sein, doch viele finden Erfüllung in jedem verarzteten Menschen, jedem Kinderlachen, jedem gelöschten Durst. Für viele Menschen, die auf ihr Leben zurückblicken, ist es nicht das Geld auf dem Konto und nicht die Lektüre von Büchern, die ihnen Erfüllung gebracht hat – sondern gemeinsame Erlebnisse mit anderen Menschen.

Ich oder die Anderen? Wir stehen nicht an der Wegkreuzung und müssen uns zwischen links und rechts entscheiden – Glück für sich selbst oder Glück für die Anderen. Umso wichtiger ist es, sich vor Augen zu halten: Niemand verlangt, dass man sich komplett hin- und aufgibt, dass man seiner eigenen Entfaltung entsagt. Es ist eines jeden Aufgabe, einen Kompromiss zu finden. Anderen Menschen zu helfen, ohne dabei die eigenen Wünsche und Bedürfnisse aus den Augen zu verlieren. Wenn nicht schon aus moralischen Gründen, dann in dem Wissen oder der Überzeugung, dass der Mensch ein soziales Wesen ist und einen gewissen Grad an Zuwendung zu anderen Menschen benötigt, um Erfüllung zu finden. Statt der Wegkreuzung könnte man sich als Metapher ein Studium zweier Fächer vorstellen, die sich gegenseitig bereichern. Niemand erwartet, dass jemand sein eigenes Schicksal so eng mit einer Sache verwebt wie Greta Thunberg. Niemand (außer vielleicht das eigene Gewissen) steht mit erhobenem Zeigefinger daneben, wenn man nach einem anstrengenden Tag auf dem Sofa entspannt und mit der Chipstüte in der Hand Netflix-Serien schaut. Es ist für jeden Einzelnen eine Frage, die sie oder er sich selbst stellen muss: Wie viel kann und will ich geben; wie und auf welche Weise trage ich meinen kleinen Teil zu einer besseren Welt bei? Die Entscheidung sollte man treffen in dem Wissen, dass die Pole „ich selbst“ und „die Anderen“ kein Gegensatz sein müssen, sondern sich ihr Glück vielmehr oft gegenseitig bedingt.

Illustration: Hannes Pfeiffer

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