Revolution im Sonderangebot

Che Guevara und die Kommerzialisierung der Geschichte.

 

Die Haare wallen wild unter dem Barett hervor, der Blick ist bedeutungsvoll in die Ferne gerichtet. Jeder dürfte das Motiv kennen, ob auf T-Shirts, Postern oder (kein Witz!) auf Unterwäsche. Man kann es nicht anders sagen: Che Guevara, der argentinische Revolutionär, der sich an der Kubanischen Revolution beteiligte und bei einem Revolutionsversuch in Bolivien mit 39 Jahren einen gewaltsamen Tod fand, ist zu einer Marke geworden. Aber ist das nicht absurd? Ein kommunistischer Kämpfer, der die USA als seinen Erzfeind ansah und alles, was irgendwie mit Konsum zu tun hatte, verabscheute, als Kassenschlager? Wie hat sich das Bild des Guerilleros zu einem transnationalen Symbol entwickelt? Wie gehen verschiedene Gruppierungen mit dem Erbe Guevaras um? Und was bedeutet die Kommerzialisierung einer historischen Gestalt für die Geschichtswissenschaft? Diese Fragen und einige mögliche Antworten möchte ich im Folgenden knapp anreißen.

Grau in unendlichen Schattierungen

Zunächst ein kurzer Abriss zu Leben und Wirken Guevaras. Geboren wird er 1928 als Ernesto Guevara im argentinischen Rosario. [1] In Buenos Aires studiert er Medizin, 1953 erhält er den Doktortitel. Auf einer Motorradreise durch Südamerika wird er sich zum ersten Mal der grassierenden Armut auf dem Kontinent bewusst. Einige Jahre später trifft er in Mexiko den Exilkubaner Fidel Castro, der seine Heimat von Diktator Fulgencio Batista befreien will. Guevara schließt sich der Gruppe um Castro an und landet mit ihr im November 1956 auf Kuba. Der Revolutionskrieg mit den Truppen Batistas dauert über zwei Jahre, die Rebellen werden aus dem Inland unterstützt. Guevara begleitet die Truppe zunächst als Arzt, wendet sich aber immer mehr dem Kampf selbst zu. Schließlich wird er zum Commandante, dem höchsten Rang der Rebellen, ernannt. Anfang 1959 haben die Rebellen den Kampf gewonnen.

Unter der Regierung Castros, die sich in den kommenden Jahren immer stärker dem Sozialismus zuwendet, erhält Guevara die kubanische Staatsbürgerschaft und wird Präsident der Nationalbank und Industrieminister. Doch den strammen Kommunisten hält es nicht lange auf der Karibikinsel. Er ist von der Weltrevolution überzeugt und möchte die Revolution von Kuba aus in andere Staaten „exportieren“. Zunächst versucht er, einen Aufstand im Kongo zu initiieren, das Vorhaben scheitert jedoch. 1966 geht er nach Bolivien, auch hier hat der Revolutionär keinen Erfolg. Guevara wird gefangengenommen und am 9. Oktober 1967 von bolivianischen Soldaten ermordet.

Ein Freiheitskämpfer also? Einer, der für die Entrechteten kämpft und dabei sein eigenes Leben aufs Spiel setzt? Das ist für viele nur die halbe Wahrheit. Einige Forscher verweisen etwa auf die zentrale Rolle, die Guevara nach dem Sieg über die Batista-Regierung bei den Exekutionen von Getreuen Batistas spielte. In Teilen der Forschung und der Öffentlichkeit werden immer wieder Aspekte aufgeworfen, die nicht wirklich zum Bild eines freiheitsliebenden Helden passen wollen. [2] Ein zwiespältiger Charakter also. In der Geschichtswissenschaft ist das nichts Seltenes. Hier gilt, was der deutsche Historiker Thomas Nipperdey in einer zweiteiligen Monographie zur deutschen Geschichte von 1866 bis 1918 festgestellt hat: „Die Grundfarben der Geschichte sind nicht Schwarz und Weiß, ihr Grundmuster nicht der Kontrast eines Schachbretts; die Grundfarbe der Geschichte ist grau, in unendlichen Schattierungen.“ [3]

Chronik einer Fotografie

Schon zu seinen Lebzeiten war der argentinische Revolutionär eine weltweit bekannte und zum Teil auch bewunderte Persönlichkeit. Spätestens sein Tod im Kampf machte ihn in den Augen vieler zu einer Legende und zu einem Helden.

Zentral für die Heroisierung des Revolutionärs ist vor allem eine Fotografie. Gemeint ist Guerillero Heroico von dem kubanischen Fotografen Alberto Korda. Das Foto prägt unser Bild des Kämpfers. Das Portrait des entschlossenen Guevaras mit seinem in die Ferne gleitenden Blick schaut noch heute in jeder zweiten Studentenkneipe über unsere Köpfe hinweg. Es gilt als das meist reproduzierte Bild der Welt, das Maryland Institute of Art hat das Foto zum „most famous photograph in the world and a symbol of the 20th century“ erklärt. [4]

Entstanden ist Kordas Bild während einer Rede Castros, bei der es um eine Explosion im Hafen von Havanna im März 1960 ging. Für kurze Zeit tauchte Guevara auf der Bühne auf – dies ist der Moment, den Korda für die Ewigkeit festhielt. Jedoch sollte es noch einige Jahre dauern, bis die Fotografie ihren globalen Siegeszug antrat. Mitte der 1960er gelangte sie nach Europa. Während der Studentenunruhen von 1968 tauchten Poster mit dem Guerillero Heroico auf Demonstrationen auf. Auch in Deutschland wurden die Ideen und das Leben Guevaras stark diskutiert und rezipiert. Die so genannte „Neue Linke“ dieser Jahre, in Deutschland vor allem der „Sozialistische Deutsche Studentenbund“ (SDS) um Rudi Dutschke, sah in Guevara einen Vorkämpfer und –denker ihrer Sache. [5] Seit 1968 hat sich der Umgang mit Guevara – und ganz besonders mit Kordas Fotografie – jedoch stark verändert. [6]

Der omnipräsente Revolutionär

Von seiner ursprünglichen Bedeutung hat sich das Bild Guevaras heute zu weiten Teilen gelöst. Das hat etwa der kubanische Autor und Journalist Jaime Saruski treffend formuliert: „Je mehr dieses Foto verbreitet wird, desto weiter entfernt es sich paradoxerweise vom Wesen Che Guevaras.“[7] Tatsächlich scheint es heute kaum etwas zu geben, dass mit Kordas Bild – beziehungsweise der weitverbreiteten Bearbeitung des irischen Künstlers Jim Fitzpatrick – noch nicht beworben wurde. Es sind ganz verschiedene Gruppen, die sich um das Bild scharen oder darum streiten – und damit auch um das Erbe des Revolutionärs.

Zum einen sind da nach wie vor jene, die teilweise oder größtenteils hinter den politischen Ideen Guevaras stehen und über ihn ihren eigenen politischen Standpunkt verdeutlichen. So taucht das Portrait immer wieder auf politischen Demonstrationen auf. Auch in der Popmusik fungiert Guerillero Heroico als Symbol. Ein Beispiel hierfür ist die Band „Rage against the Machine“, die in ihren Songs immer wieder soziale und politische Missstände anprangert. Sowohl Band-Shirts als auch das Cover der Single Bombtrack ziert eine spiegelverkehrte Version der Bearbeitung der Fotografie von Fitzpatrick. Dies kann durchaus als logische Weiterentwicklung der Instrumentalisierung Guevaras der 68er gelten.

Doch bei weitem nicht jeder, der Merchandise mit dem Bildnis Guevaras besitzt, weiß auch um die Hintergründe der historischen Figur, die da auf diesem so coolen und hippen T-Shirt oder Poster prangt. [8] Dennoch – oder gerade deshalb? – sind Guevara-Produkte gefragt. Wer etwa nach T-Shirts mit seinem Gesicht auf Amazon – einer Organisation, zu der Guevara mit Sicherheit eine entschieden ablehnende Haltung vertreten hätte – sucht, dem bieten sich haufenweise Shoppingvorschläge. Aber nicht nur für Kleidung muss Guevara herhalten: Handyhüllen, Bettwäsche, Schlüsselanhänger, Kaffeetassen; der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Die Autoren einer 2007 erschienenen Publikation über Guevara kommen zu dem dezidierten Urteil: „Heute ist Che Guevara in erster Linie nicht mehr Revolutionär und Politiker, sondern kommerzielles Objekt, er ist ein sinnentleerter Popstar.“[9]

Wodka geht zu weit

Die Kommerzialisierung kommt nicht ohne Kritik aus. Dabei trat auch Korda selbst auf. Als der Wodkaproduzent Smirnoff auf die Idee kam, seinen Fusel mit Guerillero Heroico zu schmücken, wurde es Korda zu bunt. Es sei auf keinen Fall im Sinne Guevaras gewesen, dass sein Andenken für so etwas wie eine Alkoholwerbung missbraucht werde. Korda gewann ein Verfahren, das ihm zugesprochene Geld spendete er an das kubanische Gesundheitssystem.

Darauf angesprochen erklärte er, dass Guevara das gleiche getan hätte. [10] Aber auch andere Seiten meldeten sich bereits zu Wort. 2013 hagelte es Kritik gegenüber C&A-Filialen in Polen. Der Grund: Die Kette hatte T-Shirts mit dem Guevara-Portrait Kordas ins Sortiment genommen. Für viele, die in Guevara einen Verbrecher sahen, war das ein No-Go. C&A entschloss sich nach breiter Kritik dazu, das Produkt aus dem Sortiment zu nehmen. [11] Dies sind nur zwei von deutlich mehr Beispielen der Kritik an der Vermarktung von Guevara und Guerillero Heroico. [12]

Besonders interessant ist das Statement, dass C&A veröffentlichte, nachdem es die kritisierten T-Shirts aus dem Programm nahm: „Wir haben die T-Shirts mit dem Motiv Che Guevara nicht aus politischen Gründen in den Handel gebracht, und wir haben sie daher auch nicht aus politischen Gründen wieder aus dem Handel genommen.“[13] Aber wenn man das Portrait Guevaras von dessen Politik trennt, was bleibt denn da noch übrig?

Und damit sind wir beim Kern der Sache: Che Guevara und vor allem das kaum mehr von ihm zu trennende Bild Guerrillero Heroico haben sich – wie bereits oben unter Rückbezug auf die Forschung angesprochen – endgültig von der historischen Figur Che Guevara gelöst. Auch das ist für den Historiker kein seltener Prozess. Egal ob es nun um Otto von Bismarck, Abraham Lincoln, J. F. Kennedy oder Karl Marx geht – bekannte historische Gestalten werden in der Öffentlichkeit und der Politik auf sehr spezielle Arten gelesen, interpretiert oder sogar umgedeutet. Die kommerzielle Nutzung Guevaras stellt hier lediglich ein Extrembeispiel dar. Dem Historiker macht das seine Arbeit nicht gerade leichter – dafür aber umso notwendiger.

Bild: Ernesto Corda, Che Guevara – Quelle: Catawiki.


[1] „Che“ heißt im Spanischen so viel wie „Hey“. Guevara soll diesen für die Argentinier typischen Ausruf häufig getätigt haben, weshalb er von seinen kubanischen Genossen so genannt wurde.

[2] Für Kritik von Seiten der Wissenschaft vgl. etwa Baris Alakus / Katharina Kniefacz / Werner Reisinger (Hrsg.): Chevolution. Mythos und Wirkung des Ernesto Guevara, Wien 2007, S. 93f. u. S. 258. Für eine Auseinandersetzung mit Guevara in der Öffentlichkeit vgl. etwa Toni Keppeler: Che Guevara. Der MarlboroMann der Linken, in: taz (09.10.2013), online: https://taz.de/Che-Guevara/!5193800/ (letzter Zugriff: 25.05.2020).

[3] Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1866-1918. Zweiter Band: Machtstaat vor der Demokratie, München 1993, S. 905.

[4] [Anon.]: Che Guevara Photographer dies, in: BBC News (26. Mai 2001), online: http://news.bbc.co.uk/2/hi/americas/1352650.stm (letzter Zugriff: 29.05.2020).

[5] Vgl. dazu ausführlich Alakus / Kniefacz / Reisinger, S. 216-251.

[6] ebd., S. 251.

[7] Jaime Sarusky: Vorwort, in: Christophe Loviny (Hrsg.): Korda sieht Kuba, München 2003, S. 4-6, hier S. 6.

[8] Luis Lopez / Trisha Ziff (Regie): Chevolution, Red Envelope Entertainment 2008.

[9] Alakus / Kniefacz / Reisinger, S. 8.

[10] [Anon]: Che Guevara Photographer dies (s. Anm. 4).

[11] Michaela Schießl: Proteste in Polen. C&A stoppt Verkauf von Che-Guevara-Shirts, in: Spiegel Online (11.09.2013), online: https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/nach-protest-c-a-stoppt-verkauf-von-cheguevara-t-shirts-a-921628.html (letzter Zugriff: 29.05.2020).

[12] Für mehr Infos etwa Marc Lacey: 40 Years after Che Guevara’s Death, his Image is a Battleground, in: The New York Times (08.10.2007), online: https://www.nytimes.com/2007/10/08/world/americas/08ihtjournal.4.7806519.html?pagewanted=all (letzter Zugriff: 29.05.2020).

[13] Zitiert nach Schießl: Proteste in Polen (s. Anm. 11).

 

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