Tugenden der Langeweile

Eine Apologie des produktiven Nichtstuns

Wenn ich in meinem Schlafzimmer am Fenster stehe, kann ich in einen kleinen Vorgarten sehen. Er ist weder verwahrlost noch besonders gepflegt und er fluchtet auf eine rote Haustür hin. Aus dieser roten Haustür tritt gelegentlich ein Typ und zündet sich eine Zigarette an. Dann zieht er sein Handy aus seiner Tasche, tippt darauf rum, steckt es wieder weg, holt es wieder raus, starrt in die Luft, zuckt mit den Schultern und, wenn die Zigarette aufgeraucht ist, geht wieder in die Wohnung. Es scheint sehr offensichtlich, dass sich dieser Typ wirklich und in aller Ernsthaftigkeit langweilt.

Die derzeitige Pandemie trifft unterschiedliche Menschen auf unterschiedliche Weisen. Es gibt diejenigen – Frauen, Kinder, Obdachlose, Flüchtlinge, etc. –, die um ihre Würde und Unversehrtheit an Leib und Leben bangen müssen. Sie verdienen viel, wenn nicht sogar all unsere Aufmerksamkeit. Es gibt aber auch die gut situierte Mittelklasse, die zum jetzigen Zeitpunkt Netflix leerschaut, dabei wahrscheinlich den halbherzigen Versuch, sich zu engagieren, längst aufgegeben hat und die meiste Zeit damit zubringt, sich zu langweilen – so wahrscheinlich auch der Typ hinter der roten Haustür, der sein Nichtstun durch die gelegentliche Zigarette unterbricht. Langeweile überfällt uns auf verschiedenen Arten und Weisen. Einmal kommt sie als ein Gefühl der unendlichen Leere, die einem den Boden unter den Füßen wegzieht. Es ist eine Art von Unruhe, mit der man aber gegen eine Wand läuft, weil es nichts gibt, auf das man wirklich Lust hat. Und dann hängt man irgendwie auf Netflix rum.

Es scheint dagegen auch produktive Langeweile zu geben. Durch sie hat man das Gefühl, die Zeit zu haben, Dinge auszuprobieren, Dinge anders zu machen. Dann rafft man sich am Ende doch auf und lernt Französisch oder liest den Zauberberg oder doch Marx‘ Kapital. Diese Augenblicke der Muße sind selten, aber sie gibt es. Und vor allem: sie sind ein Privileg. Etwas, was der alleinerziehende Elternteil mit Vollzeit-Job eventuell genauso wenig kennt wie die unterbezahlte Pflegekraft. Der Geflüchtete in der Auffangstation dagegen empfindet sehr wahrscheinlich Langeweile – aber von der schlechten Art. Ich möchte hier aber nicht in die Problematik sozialer Ungleichheit einsteigen. Jeder sollte das Recht haben, sich auf die produktive Art zu langweilen. Aber wie langweilt man sich produktiv?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, seine Zeit zu verbringen. Und so unterschiedlich wie die Menschen sind, sind auch ihre Vorlieben der Arten und Weisen, ihre Zeit zu verbringen. Es ist also schwer zu entscheiden was produktiv und was eher bullshit ist. Ein weiteres Problem ist auch, dass bei der produktiven Langeweile der Selbstzweck nicht verloren gehen darf. Es wäre ein Widerspruch in sich, wenn die produktive Langeweile als schiere Umwandlung von Zeit in Leistung verstanden wäre. Sich also in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett zu schälen, eine Stunde zu joggen, danach mehrere Stunden Chinesisch zu pauken, alle größeren Tageszeitungen und Motivationstrainer zu lesen, eine Dokumentation über Elon Musk zu gucken und anschließend mit „Statistik für Dummies“ zu beginnen ist vieles, aber ganz sicher nicht Langeweile. Kurz: produktiv langweilen sollte man sich um der Langeweile selbst willen. Und nicht, um sich selbst bessere Karrierechancen zu verschaffen oder mit den vermeintlichen Idealen der Gesellschaft zu konformieren.

Noch einmal zur Unterscheidung von produktiv und bullshit. Was als produktiv und was als bullshitty wahrgenommen wird, ist zu einem sehr hohen Maße subjektiv. Das oben genannte Beispiel – Französisch, Zauberberg, Marx – orientiert sich sehr stark an dem Ideal des Jahrhundertwende-Bohemiens. Was kann also ein Kriterium dafür sein, dass man sich produktiv zu einer Sache verhalten kann? Ein Vorschlag ist das Gefühl einer gewissen inneren Resonanz. Damit ist eine Art „Schwingung“ gemeint, die erzeugt wird, wenn man etwas bestimmtes tut. Dieses Gefühl zu beschreiben, ist äußert schwierig – es hat etwas Spielerisches; es erzeugt Neugier, Freude und Befriedigung. Was es hingegen ist, was eine Resonanz in einem selbst auslöst, hängt von der Person ab, die man eben ist.

Bullshit hingegen scheint das eigene Innere eher zu füllen, so wie eine zu fett geratene Portion Spaghetti den Magen schwer macht. Es wird nicht wirklich etwas erzeugt, man gewinnt keine neue Perspektive auf sich selbst oder hat das Gefühl „spielerisch“ tätig zu sein. Hier hängt es ebenfalls davon ab, was für ein Mensch man eben ist. Produktiv langweilen würde man sich demnach dann, wenn man etwas tut, das für einen selbst eine gewisse Resonanz erzeugt. Dabei ist es auch vollkommen unwichtig, was das Resultat ist. Und Bullshit-Langeweile wäre etwas, das komplett unabhängig von der eigenen Resonanz funktioniert – so wie die Zigarettenpause des Typen nicht wirklich zu seinem gelungenen Müßiggang beizutragen scheint. Man könnte also sagen: um „produktiv“ zu sein, soll Langeweile einen Selbstzweck haben. Mit Kant gesprochen: Habe Mut, dich deiner Resonanz zu bedienen!

Das erfordert natürlich auch eine gewisse Befreiung von den kulturellen Zwängen, von denen man betroffen ist. Einerseits kann das bedeuten, doch mal das Kapital wegzulegen und mit aller Freude Gossip Girl zu schauen, wenn es das ist, das bei einem gerade Resonanz erzeugt. Andererseits darf man auch Love Island mal ausschalten, wenn es langweilig geworden ist, und sich an den Zauberberg wagen.

Der Typ hinter der roten Haustür hat mittlerweile aufgehört zu rauchen. Stattdessen sitzt er in seinem Vorgarten und strickt. Er scheint unter die Guerilla-Knitter gegangen zu sein.

 

Illustration: Hannes Pfeifer

3 Kommentare zu „Tugenden der Langeweile

  1. Liebe Tizia,
    der Begriff „produktive Langeweile“ war ein zentraler Begriff in der Erziehung durch unsere Eltern. Du kennst mich, also zur allgemein Info: ich bin 65er Jahrgang, ich spreche von der Erziehung in den 70er Jahren, Abklingen der antiautoritären Phase. Manchmal war „produktive Langeweile“ wohl eine Ausrede, weil unsere Eltern gerade etwas besseres zu tun hatten, als uns zu erziehen. Oder sie hatten gerade keine Lust, aktiv zu erziehen. Wollten ihre Ruhe haben und haben uns der produktiven Langeweile überlassen. Ich fand und finde das Konzept so toll, dass ich das auch gerne bei meinen Kindern anwenden würde. Nur kostet es mich viel Energie, alle Medien fernzuhalten, die sofort den zarten Duft dieser wohligen Unproduktivität und mentalen Ruhe aufspüren, reingrätschen und den wertvollen Moment aufsaugen. Kind hat Ruhe, ich habe Ruhe geht nicht. Kind tut produktiv nichts, ich fechte in voller Rüstung gegen Breitbandangriff aus dem Internet. Um diesen von Dir beschriebenen Garten mit Wildwuchs zum Zeitverschwenden zu schützen, muss ich Mauern hochziehen. Ich würde mich auch lieber wie Mumin-Papa in die Hängematte legen, Romane schreiben und vom Segeln träumen.
    Wer hat diesen wunderschönen Begriff „produktive Langeweile“ geprägt? Ist das ein Wort, das vor allem in unseren Familien tradiert wird? Wer hat ihn in die Familie getragen, als sich Deine Großeltern und meine Eltern über Erziehung ausgetausch haben? Ich habe mich schon als Kind über die Bücher aus der Zeit im Regal meines Vater amüsiert, wie „Summerhill“ und „Der Nackte Affe“. Ich vermute, dass der Begriff in einem dieser Bücher zu finden ist.
    Liebe Grüße,
    Uli

    Liken

    1. Lieber Uli,
      vielen Dank für diesen ausführlichen Kommentar!
      Den Begriff „produktive Langeweile“ habe ich bestimmt nicht erfunden. Mir fällt leider nur nicht ein, wo ich ihn gelesen haben könnte. Eine kurze Internetrecherche ist auch nicht wirklich hilfreich. Da stößt man vor allem auf Websites, die „Produktives gegen Langeweile“ verschreiben wollen. Aber das geht ja an dem Gedanken vorbei, dass „produktiv“ und „Langeweile“ kein Gegensatzpaar sind, sondern idealerweise zusammengehören: Langweilen kann man sich auch auf eine Art und Weise, an der man Freude empfindet.
      Weshalb wird Langeweile nicht mit Produktivität in Verbindung gebracht? Die Antwort lässt sich meiner Meinung nach am Wort selbst ablesen. Lange-Weile ist eine lange, oder als lang empfundene, „Weile“, was so viel bedeutet wie unbestimmte oder unverplante Zeit(spanne). Im Gegensatz dazu steht die verplante Zeit, etwa die Arbeit, das Erledigen von Haushalt oder Termine, etc. Anders formuliert, wenn es gerade nichts zu tun gibt, dann langweilt man sich. Ist dann die Lösung, sich etwas zu tun zu geben? Das scheint nur die halbe Miete zu sein. Wenn ein kleiner Junge zu seinem Vater sagt: „Papa mir ist langweilig.“ und der Vater antwortet: „Dann ziahk di‘ nackert aus und pass‘ auf’s Gwand auf.“, ist der Junge bestimmt nicht weniger gelangweilt. Eher im Gegenteil: etwas zu tun zu haben und sich zu langweilen rücken noch stärker auseinander. Genauso wenig zielführend ist es, den Jungen in Netflix‘ Hände zu geben – ich kann mir vorstellen, dass das Zurückdrängen der immer stärker vorrückenden digitalen Medien ein Kampf ist! Wie gesagt: Idealerweise hängen Produktivität und Langeweile zusammen. Produktivität an dieser Stelle allerdings als Hingabe, Interesse oder Neugierde verstanden.
      Wichtig für die Philosophie ist in diesem Zusammenhang der Begriff des Spiels. Beim Spielen vergisst man sich und die Welt und gibt sich ganz dem hin, was man gerade tut. Im Spiel löst sich der Gegensatz zwischen Produktivität und Nichtstun ganz auf: das, was man tut, tut man mit Freude und Hingabe unabhängig davon, was man tut oder wie lange es dauert. Schiller erhebt diese Fähigkeit des Menschen, sich ganz einer Sache hinzugeben, vollständig in ihr zu versinken zum wichtigsten Aspekt dessen, was es heißt, ein Mensch zu sein:
      „Denn, um es endlich auf einmal heraus¬zusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“
      Die Idee, dass „Spiel“ eine zutiefst menschliche Fähigkeit ist, wurde früh von verschiedenen Seiten weitergedacht. Johan Huizinga wies beispielsweise schon Mitte des 20. Jahrhunderts das Spiel als primäres kulturelles Grundphänomen aus, mit dem sich auch Religion und Kultpraktiken erklären lassen.
      Ein anderer Begriff hingegen, die Gamification, verweist auf die eher negativ konnotierte Entwicklung, immer mehr Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens als extern gesteuertes Spiel zu gestalten – eben nicht als play, sondern als game. Beispiele für Gamification sind: Bonuspunkte zu sammeln, auf Tinder „swipen“ oder bei Duolingo das nächste „Level“ zu erreichen. Das beunruhigende an dieser Entwicklung, finde ich, ist ihre Fähigkeit, uns zu manipulieren. Wenn etwas wie ein Spiel funktioniert, sind wir bereitwilliger, mitzumachen. Wenn man Bonuspunkte sammeln kann, geht man eben doch immer zum selben Coffee-Shop – obwohl der fünfte Kaffee gratis wirklich nur ein marginaler „Vorteil“ ist, den man sich da „verdient“ hat. Drastischer ist das Beispiel im Internet: Hate Speech ist eines der Phänomene, in dem das Spiel auf sozialen Plattformen die eigene Peer-Group zu beeindrucken, besonders beunruhigende Ausmaße annehmen kann.
      Dann doch lieber langweilen a lá Schiller.
      Liebe Grüße,
      Tizia
      „Further Reading“: https://www.kubi-online.de/artikel/spiel-anthropologische-konstante

      Gefällt 1 Person

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