Corona – in der universalen Grenzsituation

Eine Analyse mit den Augen von Karl Jaspers

 

Die Corona-Krise hat schon jetzt viele Menschen an ihre Grenzen gebracht. Die Pandemie stellt unseren Alltag auf den Kopf. Oft habe ich in den vergangenen Tagen gehört, dass die aktuelle Krise auch die Chance auf einen Neuanfang ist. Es werden Prognosen aufgestellt, wie sich die Welt positiv wandeln könnte.

Ich selbst möchte nicht darüber spekulieren, was die Zukunft bringt und ich glaube auch nicht, dass das die Hauptaufgabe der Philosophie ist. Vielmehr interessiert mich, wie ich dieser Krise begegnen kann.

Der Philosoph und Psychiater Karl Jaspers hat den Begriff der Grenzsituation philosophisch geprägt.

Die Grenzsituation ist ein Zustand, in dem ich nicht mehr die Kontrolle und auch nicht die Möglichkeit habe, meine Situation zu verändern. Ich laufe gegen eine Wand. Mit meinem Wissen komme ich nicht weiter. Die Grenzsituation ist an sich nicht überwindbar. Das unterscheidet sie von der bloßen Situation. Eine Situation kann ich überschauen, (mit)gestalten und verändern.

„Aber es gibt Situationen, die in ihrem Wesen bleiben, auch wenn ihre augenblickliche Erscheinung anders wird und ihre überwältigende Macht sich in Schleier hüllt: ich muß sterben, ich muß leiden, ich muß kämpfen, ich bin dem Zufall unterworfen, ich verstricke mich unausweichlich in Schuld. Diese Grundsituationen unseres Daseins nennen wir Grenzsituationen.“[1]

Jaspers führt einzelne Grenzsituationen, wie Leid, Kampf, Schuld und Tod auf. Sie sind alle unausweichlich und gehören notwendig zum Dasein.

Für den Umgang mit Grenzsituationen können wir keine Schablone entwickeln. Da jede Grenzsituation einzigartig ist, muss jede neu und individuell bewältigt werden.

Die gegenwärtige Krise, in der wir uns mit dem Corona-Virus befinden, ist eine universale Grenzsituation. Sie betrifft jeden Einzelnen. Kann tatsächlich derzeit irgendein Mensch auf diesem Planeten mit Recht behaupten, ihn ginge das Corona-Virus nichts an? Weil wir unweigerlich – auf sämtlichen Ebenen – miteinander verbunden sind, ist ausnahmslos jeder involviert.

Für Jaspers sind Grenzsituationen eine Erfahrung des Scheiterns:

„Die Grenzsituationen – Tod, Zufall, Schuld und die Unzuverlässigkeit der Welt – zeigen mir das Scheitern. Was tue ich angesichts dieses absoluten Scheiterns, dessen Einsicht ich mich bei redlicher Vergegenwärtigung nicht entziehen kann?“[2]

Die Corona-Pandemie führt uns das Scheitern vor Augen. Es wird sichtbar, dass es keine absolute Verlässlichkeit, Sicherheit und keinen absoluten Schutz in der Welt gibt.[3] So universal spürbar war die Fragilität des Lebens lange nicht.

Wenn aber Grenzsituationen nicht zu überwinden sind, wie geht es dann weiter und was kann ich tun?

Nach Jaspers bieten Grenzsituationen die Möglichkeit, vom Dasein zur Existenz zu gelangen. Dasein – das ist bei Jaspers das Sein in Situationen. Situationen haben einen allgemeinen Charakter. Existenz ist jedoch individuell. Mit Allgemeinbegriffen kommen wir in unserer individuellen Betroffenheit nicht weiter. Daher ist es sinnvoll, Grenzsituationen nicht mit Plan und Berechnung zu begegnen, sondern ihr offen gegenüberzustehen. Das heißt, ihr tapfer entgegenzutreten und sie anzunehmen.

Es geht weder darum, dagegen anzukämpfen, noch um stoisch etwas zu ertragen – Letztes wäre Selbstaufgabe. Jaspers selbst kritisiert die Stoiker:

„Die unerschütterliche Haltung der Seele im Stoizismus gilt uns nur als Übergang in der Not, als Rettung vor dem völligen Verfall, aber sie selbst bleibt ohne Gehalt und Leben.“[4]

Die Stoiker haben eine leere, starre Haltung. Was ihnen fehlt, ist die Kommunikation. Neben den Grenzsituationen sieht Jaspers auch in der echten Kommunikation die Möglichkeit der Existenzerhellung. Was ist mit echter Kommunikation gemeint?

Es bedeutet, dass Kommunikation zwischen Individuen stattfindet, die nicht davon überzeugt sind, jeweils die absolute, partikulare Wahrheit zu kennen, sondern sich gemeinsam dazu hinentwickeln. Es geht um eine Kommunikation von Existenz zu Existenz.[5]

Indem wir wechselseitig Theorien überprüfen, uns aneinander reiben, kann es zu echter Erkenntnis kommen. So entsteht die Möglichkeit, Bedeutungszusammenhänge zu schaffen, was mir im Monolog nicht gelingt.

Wenn wir die Erfahrung von Grenzsituationen machen, können wir etwas lernen. Es ist die Chance der Existenzerhellung, der Klärung des Selbst. In den spezifischen Grenzsituationen erschließen sich mir Aspekte meines menschlichen Daseins.

Nachdem wir sie durchlebt haben, geht das Leben nicht weiter, wie es bisher war. Es ergibt sich eine neue Perspektive und vielleicht auch eine neue Weltansicht.

 


[1] Jaspers, S. 20-21.

[2] Ebd., S. 23.

[3] Vgl. ebd, S. 22.

[4] Ebd., S. 25.

[5] Vgl. ebd., S. 26.

Jaspers, Karl: Einführung in die Philosophie. Zwölf Radiovorträge, München 1953, R. Piper & Co. Verlag.

Ein Kommentar zu „Corona – in der universalen Grenzsituation

  1. Ich vermute allerdings, Jaspers wäre im Moment eher auf der Seite derer, die vor der Zerstörung unserer politischen, freien Lebensweise durch die Maßnahmen gegen das Coronavirus warnen. Ja, die Grenzsituation eröffnet bei Jaspers die Möglichkeit, zur wahren Kommunikation zu gelangen, aber diese Kommunikation ist doch immer eine Kommunikation in Freiheit. Diese Freiheit wird jedoch unmöglich, wenn alle in ihren Wohnungen eingesperrt sind und keiner sich leibhaftig treffen darf und die Parlamente mehr oder weniger (je nach Land) ausgeschaltet sind zugunsten der Exekutive.
    Jaspers hat doch schon die Notstandsgesetze in den 60er Jahren in seinem Buch „Wohin Treibt die Bundesrepublik?“ heftigst kritisiert. Was würde er wohl sagen angesichts der Tatsache, dass wir momentan de facto diktatorisch vom Gesundheitsminister beherrscht werden (auch wenn die Gesetzgebung, die das ermöglicht, soweit ich weiß, zeitlich begrenzt ist)?

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