Platonische Demokratie? Zur Legitimität von Eliten

Die Ideen „Elite“ und „Demokratie“ beziehen sich auf unterschiedliche Ethiken. Die Herausforderung für gegenwärtige Gesellschaften ist, einen gelebten Pluralismus dieser Ethiken möglich zu machen.

Vor einer Woche hat Philipp Neudert hier argumentiert, dass eine Demokratie notwendigerweise elitäre oder elitistische Elemente inkorporieren muss, da sie sonst Entscheidungsprozesse nicht intern auf hohem Niveau und mit angemessener Expertise lösen kann. Wenn wir nicht in der Lage sind, eine gewisse Elitensouveränität mit unseren demokratischen Ansprüchen zu vereinen, so die Idee, laufen wir Gefahr, in Populismus oder einer “Massendemokratie Trump’schen Zuschnitts” zu enden. Ich halte den von Neudert als Lösung vorgeschlagenen Gedanken einer “Epistokratie” allerdings für selbstwidersprüchlich: demokratische Mitbestimmung und Elitenbildung sind durchaus auf je eigene Weise legitim – aber konzeptuell nicht miteinander vereinbar. Meiner Meinung nach ist die Herausforderung für die Demokratie nicht so sehr, beides miteinander systematisch zu vereinen, sondern eher, das Spannungsfeld zwischen der Partizipation aller und der Autorität weniger auszuhalten.

Das Konzept der Demokratie verspricht einen Gleichheitsgrundsatz. Niemand darf aufgrund beliebiger Merkmale bevorzugt oder diskriminiert werden. Das Konzept der Elite vertritt das Gegenteil. Eine Elite genießt besondere Privilegien und Verantwortung aufgrund eines Status der Erlesenheit. Ein Standardargument für Elitenherrschaft führt klassischerweise Platon ins Feld, der behauptete, dass es „kein Ende des Unheils für das ganze Menschengeschlecht gibt“, wenn die Philosophen nicht herrschen. [1]

Obwohl Platon das Wort Elite nicht benutzt, entwickelt er bereits den Gedanken der besonderen Exzellenz eines bestimmten Personenkreises. Dieser wird im 17. Jahrhundert vom französischen Adel aufgegriffen, wo erstmals das Wort élite, als ein Derivat des lateinischen eligere – auswählen, auftaucht. Die Idee bezieht sich hier auf die Stellung bestimmter Edelmänner, der honnêtes gens, die einem bestimmten Ideal der Ehrbarkeit entsprechen, und innerhalb des Adels nochmals herausgehoben waren. Eine soziologische Definition erfährt der Begriff durch Mosca und Pareto, die Elite als eine anthropologische Konstante ohne besondere inhaltliche Füllung stets mit jenem Machtzirkel identifizierten, der die Mehrheit beherrscht.

Nun kann ein System, das grundsätzlich die Gleichheit aller verspricht, nicht konform gehen mit dem Gedanken, dass Einzelne aufgrund von bestimmten Merkmalen bevorzugt werden sollen. Eine solche Rechtfertigung der Ungleichheit wäre innerhalb der modernen politischen Theorie nur mit einer Art Rawl’schem Prinzip denkbar, dass die Privilegien der Wenigen dem Wohle der am wenigsten Privilegierten zu Gute kommen sollen. In der Praxis ist die Umsetzung dieses Prinzip geleistet in einer Meritokratie: dem Gedanken, dass Elite eine Auslese der Qualifiziertesten – a rule of merit – zum Wohle aller sein muss, in Anlehnung an das Kofferwort, das Michael Young  geprägt hat [2] – allerdings mit kritischen Hintergedanken.

Genau diese Form der Elitenherrschaft nach einem prinzipiell jedem offenen Leistungs- und Verdienstkriterium wurde von Soziologen wie Hans Peter Dreitzel als charakteristisch für die moderne Industriegesellschaft gesehen. Bei ihm wird der Elitebegriff nicht nur als mit der Demokratie kompatibel, sondern gar für das Funktionieren einer demokratischen Industriegesellschaft als unerlässlich gedacht. Leistungseliten werden hier zu Trägern des ökonomischen und sozialen Zusammenhalts, und in einer dem Pluralismus angemessenen Ausdifferenzierung kommt jeder jeweiligen Funktionselite normative Kraft zu. [3]

Dieser Anspruch an Eliten, der heute noch eingefordert und mit dem Elitenbildung in bestimmten Wirtschafts- oder Wissenschaftsbereichen gefördert wird – beispielsweise in der akademischen Exzellenzinitiative – legt die These nahe, dass sich am Verständnis von Elite als funktionalem Träger von Spitzenpositionen innerhalb einer ausdifferenzierten (Post-) Industriegesellschaft nichts geändert hat.

Allerdings, und darauf macht Philipp Neudert zu Recht aufmerksam, steckt gerade diese Output-Legitimität von Eliten heute in der Krise. Denn der zeitgenössische Elitenhass hängt sich nicht an dem Bestehen der Elite selbst auf, sondern daran, dass diese „versagt“, den Kontakt zu den Bürgern verloren, den Wählerwillen ignoriert: kurzum: ihre zugewiesene gesellschaftliche Funktion nicht richtig erfüllt hätte. So fordern die elitefeindlichen Populisten nicht die Abschaffung der Eliten an sich, sondern lediglich die „Austrocknung des Sumpfes“: die Wiederherstellung des wahren Volkswillens, die Wiederaufnahme ihrer richtigen Funktion. So eine korrektive Rhetorik verschleiert nicht, dass sie sich selbst wieder nur zu einer neuen Elite installieren wird, denn mit verändertem Output ist das Konzept der Elite selbst ja wieder legitim.

Dies verleitet dazu, funktionale „Output-Legitimität“ allgemein als problematisch zu erachten. Neudert verweist auf Paretos Bild von der Notwendigkeit ewig zirkulierender, austauschbarer Herrschergruppen, und macht auf den Zynismus aufmerksam, dass im massendemokratischen Populismus nichts anderes zum Ausdruck kommt als der pure Wille, selbst die nächste Elitegruppe zu sein. Aber seine Folgerung, dass man als liberale(r) Demokrat(in) der Output-Legitimität einfach widerstehen muss, ist selbst zynisch.

Denn was er stattdessen als interne „Legitimitität durch Verfahren” vorschlägt, ist nur die Affirmation des Status Quo: die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Eliten sollen bitte samt ihrer Selektionsprozesse so bleiben, wie sie sind, weil es alles noch viel schlimmer kommen könnte. Dieser Verteidigungsreflex ist angesichts der Angst vor dem Populismus verständlich: autoritäre Oligarchen mögen wesentlich unangenehmer sein sein als biedere, gut ausgebildete Juristen in parlamentarischen Gremien. Aber Neudert’s Angst ist nicht mit dem demokratischen Gleichheitsanspruch vereinbar. Sie ist sozialer Fatalismus.

Er berücksichtigt den problematischen Umstand nicht, dass auch die bestehende Elite eine Legitimität genießt, die sich nicht vollstandig aus demokratischen Prinzipien ableitet. Dabei wird paradoxerweise ein Fakt übersehen, den man als Begründung einer tatsächlichen, obgleich nicht demokratischen „Input-Legitimität” von Eliten heranziehen könnte: dass auch Eliten Selbstverständnisse und Werte repräsentieren können, die unabhängig von funktionaler Rechtfertigung von Bedeutung sind.

Auf genau solch eine intrinsische Legitimität von Elite stützen sich Elitekonzeptionen wie die der platonischen oder französischen Aristokratie. Der honnête homme war dies ja gerade nicht, um seinen sozialen Zweck zu erfüllen; sondern weil in der honnêté ein gewisser nicht instrumentalisierbarer Wert ausgemacht wurde. Und das besondere an Platons Elitekonzeption ist, dass die Philosophenkönige gerade nicht herrschen sollen, weil am meisten mit dem Gemeinwohl beschäftigt wären. Stattdessen qualifiziert sich die herausgehobene Stellung der Elite bei Platon erst dadurch, dass sie der wahren Struktur der Realität am nächsten steht, weil sie „keine Zeit [hat] hinabzublicken auf das Treiben der Menschen“, und ihren Charakter durch ihr Verweilen bei den ewig gleich bleibenden Ideen vervollkommnet.

Vielleicht könnte es sich lohnen, diesen Legitimitätsanspruch durch „Exzellenz“ oder „Charakter“ für unsere heutige Zeit zu prüfen. Denn was von den Vordenkern der offenen Leistungseliten übersehen wurde, ist, dass die Privilegierung von Wenigen mit demokratischen Prinzipien nie gerechtfertigt werden kann. Das Ethos einer Elite kann nicht demokratisch sein, weil es, wie im Namen anklingt, nach Erlesenheit, und nicht nach Gleichheit strebt. Das heißt aber nicht, dass Eliten nicht legitim sind. Wenn wir mit Pareto anerkennen, dass die Bildung von sozialen Eliten irgendwie unvermeidbar ist, aber intuitiv auch annehmen, dass sowohl das Streben nach Exzellenz als auch demokratische Gleichheitsansprüche begründet sind, dann müssen wir uns eingestehen, dass wir gleichzeitig mit verschiedenen Ethiken operieren. Und die Kunst eines gerechten und pluralistischen Gemeinwesens scheint es dann zu sein, die Gleichzeitigkeit dieser Ethiken gelten zu lassen.

[1] Vgl. Platon Staat, 473d-e. Übersetzt und herausgegeben von Gernot Krapinger (2017). Ditzingen: Reclam, Philipp.

[2] Vgl. Young, Michael Dunlop (1961): The rise of the meritocracy 1870-2033. An Essay on Education and Equality. London: Penguin Books.

[3] Vgl. Dreitzel, Hans-Peter (1962): Elitebegriff und Sozialstruktur. Eine soziologische Begriffsanalyse. 1. Aufl. Stuttgart: Ferdinand Enke (Göttinger Abhandlungen zur Soziologie, 6). Paradigmatisch bringt er auf den Punkt: “„Wert und Bedeutung der Eliten liegen nicht in ihnen selbst, sondern in ihrer Funktion für die Gesellschaft.“ (139)

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