Félicité

Eine Filmkritik.

 

„Muss die Sonne aufgehen? Die Nacht hat keinen Bruder, keinen Vater, keine Mutter. Oh, guter Schlaf, belohne die, die die Nacht lieben. Nur die Verrückten kennen sie nicht. Sie kennen nicht deinen süßen Geschmack, wissen nicht, das du aus alten Zeiten kommst und du dich uns immer näherst. Du besitzt die Schlüssel zum Tore des Paradies.“

Mit diesen Worten verarbeitet die junge Sängerin und Mutter aus der Hauptstadt Kinshasa die jüngsten Widrigkeiten ihres Lebens. Doch dieses Sehnen ist keinesfalls Aufgeben oder Todessehnsucht. Im Verlaufe der Handlung zeigt sich, dass die Kongolesin aus der DRK selbst unter den schwierigsten Bedingungen sich zu helfen weiß. Félicité (unsere Freude) singt in einer Bar mit musikalischer Begleitung und verdient sich so ihr täglich Brot. Das Leben in Kinshasa ist hart und rau, was sich auch in den Unterhaltungen der Gäste widerspiegelt. Die Bar ist eine kleine Oase im heißen Klima, an der sich auch der Mechaniker Tabu Faka mit Bier erfrischt. Besonders hier zeigt der Schürzenjäger seinen Frohsinn und sein Temperament. Es ist die kühle, stolze Félicité, auf die er es abgesehen hat. Er hofiert sie mit Gefälligkeiten wie der Reparatur ihres Kühlschranks. Aus heiterem Himmel bekommt Félicité einen Anruf aus dem Krankenhaus. Ihr vierzehnjähriger Sohn Samo, ein abtrünniger Junge und Bandit, hat einen Motorradunfall erlitten und liegt mit einem gebrochenem Bein auf Station. Samo muss operiert werden, was aber ohne eine hohe Vorauszahlung von 1.000.000 Franc Congolais (545 Euro) nicht möglich ist. Félicité kämpft nun mit kriegerischer, stoischer Miene mit für das Wohl ihres Sohnes.

Den dramatischen Umstände zum Trotz ist diese Geschichte, die mit der Demokratischen Republik Kongo in einer der ärmsten und gefährlichsten Regionen Afrikas spielt, keine Tragödie, in der wie in Georg Büchners Woyzeck die verarmten und unterdrückten Leute hilflos ihrem Ende entgegen irrlichtern. Die Geschichte ist lebensbejahend, ohne die raue Lebensrealität ihrer Personen zu beschönigen. Vielmehr wird das zähe Fleisch der Figuren gezeigt, die kaum Hang zur tiefer Trauer, Selbstmitleid oder Verzweiflung zu haben scheinen. Der französische Regisseur Alain Gomis gibt uns Europäern einen kleinen Zugang zu einer komplett anderen Lebenswelt, ohne weit ausholen zu müssen.

Denn die Geschichten von Menschen in prekären Verhältnissen sind universell. Was erfrischend ist, ist der optimistische, selbstsichere und stolze Umgang mit dem eigenen Unglück von Félicité und ihren Freunden. Tabu ist sich gewiss, dass der Kongo, wie er selbst, es noch zu etwas bringt. Für eine Region, in der Frauen- und Menschenrechte nicht garantiert sind, stellt der Film bewusst eine starke Frauenfigur an die Spitze. Noch dazu eine geschiedene, allein erziehende Mutter, die selbst arbeitet.

Der Film möchte eine gewisse Härte vermitteln, die Frauen entwickeln können, wenn sie schwere Lasten zu tragen haben. Félicité muss ihre Kollegen um Almosen fragen, wird von ihrem geschiedenen Ehemann verlacht und gemaßregelt und bettelt aggressiv bei wohlhabenden Leuten. Dies schaffen die Schauspieler darzustellen, ohne den Charakter als mitleidig oder kümmerlich zu zeichnen. Auch bei Dingen,die den Stolz verletzen, behalten die Figuren ihre Würde. Es ist allerdings falsch anzunehmen, Félicité sei wie eine hart gesottene Soldatin, die wenig noch zu beeindrucken vermag. Nein, trotz aller Zähigkeit ist Félicité ein Mensch, den der Schicksalsschlag auch mitnimmt. Schließlich handelt es sich um ihr eigenes Fleisch und Blut.

Hier kommt zum Tragen, das die Religion im Kongo eine wichtige Rolle spielt. Die wiederkehrende Bar in der Handlung ist die Alltagsflucht, die sich bietet. Hier kann man sich mit Bier und kraftvollen, melancholischen Gesang ablenken. Der gewissenhafte Gottesdienst ist aber im Alltag viel wichtiger. Mit Vertrauen auf Gott fühlt man sich weniger hilflos. Gott hilft denen, die Hilfe benötigen. Wenn Félicité nachts im weißen Gewand durch dunkle Natur wandert, hat sie wohl den berühmten Psalm 23 im Kopf:

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück.“

Die einleitenden Zeilen waren keine Todessehnsucht. Sie waren wohl mehr ein Verlangen nach Ruhe. In betrunken Zustand philosophiert Tabu: „Oh, das Leben ist schön!“, „Man muss von neuem anfangen, wieder und wieder“, „Wir sind schöner als Helden!“. Für das gesamte Werk ist abschließend wohl folgendes Zitat aus der Bar passend:

„Sogar die Nacht hat zwei Seiten“.

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