Gegen den Realitätsbezug in der Metaphysik

Ein Plädoyer für eine erkenntnistheoretische Form des Positivismus.

Vor fast einem Jahr arbeitete ich an einem Essay zum Fluss der Zeit. Ich war zu diesem Zeitpunkt fasziniert von analytischer Metaphysik. Ich hatte gerade vor kurzem ein Essay zum Universalienproblem für mein Studium geschrieben und war insbesondere beeindruckt von der Reduktion des Problems weg von der Suche nach ontologischen Verpflichtungen hin zu Wahrmachern, die mein Tutor Gonzalo Rodriguez-Pereyra publiziert hatte. Diese Reduktion war für mich ein Testament des Sieges der rationalen Analyse über aus Tradition erwachsenen Vorurteilen. Kurz darauf hatte ich allerdings ein böses Erwachen.

Der Inhalt meiner Reading List zum Thema Zeit änderte meine Haltung tiefgründig. Ich hatte das Gefühl, dass alle der Argumente, die McTaggart [2], Hugh Mellor [3] und Eric Olson [4] vorzubringen hatten, eine petitio principii darstellten. Olson beschrieb zum Beispiel den ’Fluss der Zeit’ als Metapher, ohne genauer zu werden, für was diese Metapher stand. Sein Argument gegen den Fluss der Zeit bestand dann darin, dass, angenommen keine Metazeit existiert, relativ zu welcher man die Gegenwart definieren kann, muss Zeit eine Art Geschwindigkeit haben. Aber diese Geschwindigkeit hätte trivialerweise den Wert 1 und sei daher keine Geschwindigkeit. Die Annahme der Nichtexistenz einer Metazeit ist prinziell ja noch plausibel. Es stellte sich mir jedoch die Frage, warum denn überhaupt Zeit eine Geschwindigkeit haben muss. Olson verließ sich also auf eine Intuition zur Natur der Zeit, die manifest nicht trivial ist. Und für was genau sollte der ’Fluss der Zeit’ eine Metapher sein?

Mich beschlich zu nehmend das Gefühl, dass eben diese Probleme auch in allen anderen Themenbereichen der Metaphysik auftreten. Ich konnte daher nicht umhin, die Grundlagen der Ontologie und der Metaphysik im Allgemeinen infrage zu stellen. Es konnte doch nicht sein, dass die Antworten auf derart profunde Fragen wie den Fluss der Zeit oder der Natur von Eigenschaften komplett auf Intuitionen basiert waren! Diese Überlegungen erinnerten mich an einen Satz aus Bertrand Russells The Problems of Philosophy [6]. Er stellte im letzten Kapitel den Sinn der Philosophie als eine Umordnung von Konzepten und Intuitionen dar, die bestenfalls zu einer logisch konsistenten Menge von Ansichten, aber niemals zur Wahrheit selbst führen kann. Epistemisch kommen wir laut Russell einfach nicht an die Wahrheit heran. Diese Erkenntnis ist doch bemerkenswert. Trotz aller Versuche, mit Rationalität die Welt zu erklären, scheitern wir scheinbar, den Schleier der Vorurteile zu durchbrechen. Worüber gibt uns denn dann Metaphysik Auskunft? Oder, gibt sie uns überhaupt eine Auskunft? Intuitiv begann ich letztere Frage mit einem ’Nein’ zu beantworten. Diese negative Antwort möchte ich im weiteren Verlauf dieses Aufsatzes erklären und verteidigen.

Dazu ist es sicherlich sinnvoll, die weitere Entwicklung meiner Position zur Metaphysik zu beschreiben: Natürlich haderte ich, und tue das noch immer, mit der ernüchternden Erkenntnis, dass Metaphysik bestens eine Ansammlung von Vorurteilen und schlimmstenfalls eine Ansammlung von unverständlichem ’Bullshit’ ist. Anfänglich ignorierte ich sie, hatte ich doch noch mehrere Essays für das Modul ’Knowledge and Reality’ zu schreiben. Skeptizismus gegenüber der Metaphysik und dementsprechend auch ein Stück weit gegenüber der Erkenntnistheorie hätten sicherlich nicht geholfen, gute Aufsätze auszuformulieren.

Die Idee gärte jedoch weiter in mir. So ergab es sich, dass ich für das Modul ’Philosophy of Science’ einen Aufsatz zum Logischen Positivismus, insbesondere zur Position von Moritz Schlick, schrieb. Schlicks Aufsatz Realismus und Positivismus [7] stellte für mich die Vollendung einer intellektuellen Revolution da. Er argumentierte, dass wir Sprache durch Auf-Gegenstände-Deuten lernen, und dass deshalb die Bedeutung eines Satzes darin liegt, wie er verifiziert werden kann. Das Problem mit der Metaphysik ist, dass eben entweder metaphysische Probleme zu empirischen reduzierbar sind oder, dass Aussagen über sie prinzipiell nicht verifizierbar sind. Im letzteren Fall spricht Schlick von Pseudo-Problemen, denn diese Probleme sind nach dem positivistischen Kriterium für Bedeutung sinnlos. Endlich verstand ich, wo das Problem lag: Unsere Sprache ist nicht dafür gemacht über Metaphysik zu reden!

Es ist also die Art und Weise, wie wir Sprache erlernen, die das Problem darstellt. Eine schöne Exposition zu diesem Thema findet sich in Quines Aufsatz Natural Kinds [5]. Ein Kind lernt Begriffe durch Erfahrung. Mama und Papa sind mit höchster Wahrscheinlichkeit die ersten Worte eines jeden Kindes. Es lernt die Laute (oder das Gebrabbel) ’mamama…’ und ’bababa…’ mit bestimmten Personen zu verknüpfen, denn die Mutter oder der Vater, respektive, werden auf diese Laute reagieren. Wie lernt ein Kind später, was Hunger, Durst oder Essen ist? Eben wieder durch Erfahrung, vielleicht durch Auf-Gegenstände-Deuten und dadurch, dass die Eltern dann das Wort sagen. Irgendwann assoziiert das Kind dann den Klang des Wortes ’Hunger’ mit dem Gefühl oder den Klang des Wortes ’Milch’ mit der Muttermilch oder deren Geschmack. Wenn das Kind älter wird, lernt es mehr und mehr Worte und Gegenstände miteinander zu assoziieren und Konzepte zu abstrahieren und präzisieren. Dieser Prozess ist wahrscheinlich nie ganz abgeschlossen. Als Philosophiestudent lerne ich regelmäßig neue Worte und Konzepte. Diese werden zunehmend abstrakter. Aber letztendlich sind sie doch auf Erfahrungen basiert. Nehmen wir das Konzept der Wahrheit. Wenn ein Satz wahr ist, dann gehen wir davon aus, dass wir ihn überprüfen können und sein Inhalt mit unseren Beobachtungen übereinstimmt. Nun könnte man natürlich eine Diskussion über Bestätigungstheorie eröffnen und Nelson Goodmans New Riddle of Induction [1] und andere Paradoxien debattieren. Aber das ist nicht der Sinn dieses Artikels. Und sicherlich klingt diese Identifizierung nach einem verifikationistischen Wahrheitsbegriff. Ich bin allerdings kein Verifikationist. Worauf ich hier aufmerksam machen möchte ist Folgendes: Ein Kind oder Kleinkind kann noch nicht abstrahieren, wie Erwachsene es können. Wenn etwas wahr ist, erwartet das Kind Bestätigung davon.Und so entwickelt sich auch in unserer natürlichen Sprache der Wahrheitsbegriff. Er ist ursprünglich genau diese Vorstellung, dass ein wahrer Satz auch überprüfbar ist. Deshalb sehe ich als ein minimales Kriterium dafür, was wir unter Wahrheit verstehen, genau diese Überprüfbarkeit eines Satzes im oben skizzierten Sinne.Ich möchte mich allerdings von einer Position der logischen Positivisten ganz klar distanzieren. Ich stimme nicht mit dem Kriterium für Bedeutung, das Schlick verwendet, überein. Denn, wer behauptet, dass die Bedeutung eines Satzes in der Methode der Verifizierung liegt, macht eine metaphysische Aussage (und damit laut Schlick et al. eine bedeutungslose). Außerdem sollten wir bedenken, dass für die Positivisten lediglich ganze Sätze eine Bedeutung haben. Einzelne Worte müssen mithilfe einer komplizierten syntaktischen Konstruktion, die Carnap in seinem Aufbau beschrieben hat, Bedeutung zugewiesen bekommen. Die Philosophie der Sprache und Bedeutung sollte leichter sein und insbesondere auf den atomaren Bausteinen der Sprache basieren: einzelnen Wörtern.

Ich möchte daher eine erkenntnistheoretische Alternative zum positivistischen Bedeutungskriterium vorschlagen. Nehmen wir zunächst einmal als gegeben an, dass Menschen Sprache durch direktes Deuten und darauffolgende Abstraktion erlernen. Diese Abstraktion stellt aber letztendlich eine Relation von einem Begriff zu einem oder mehreren direkt mit Wahrnehmung verbundenen Begriffen dar. Ich habe das ja bereits am Beispiel ’Wahrheit’ demonstriert. Meine These ist nun folgende: Der Mensch kann Worte und Sätze nur insofern verstehen, als dass sie sich (mehr oder weniger direkt) auf Elemente der Wahrnehmung beziehen. Mit Wahrnehmung meine ich in diesem Kontext nicht nur Sinneswahrnehmung, sondern natürlich auch Introspektion und das Erleben von Emotionen; vielleicht sogar weitere, bisher unbeschriebene Modi von Wahrnehmung. Ein Beispiel aus der letzten Kategorie könnte natürlich ein epiphänomenales Quale sein. Epiphänomenale Qualia sind Aspekte von Wahrnehmungen, die nicht kommunizierbar sind. Beispiele sind, wie die Farbe Rot genau für Dich aussieht, oder das Gefühl von Liebe. Als Kind hatte ich mich immer gefragt, ob das Rot, das ich sehe, das Rot ist, das andere Menschen sehen. Offensichtlich ist diese Frage unentscheidbar, denn diese Aspekte der Sinneswahrnehmung sind nicht kommunizierbar (Positivisten sind üblicherweise der Meinung, dass die Frage nach diesen Qualia ein Pseudo-Problem ist, da wir Aussagen über sie nicht überprüfen können). Im Fall von Liebe ist es klar, dass Gewisse Aspekte dieses Gefühls kommunizierbar sind. Aber wie genau sich das positive Gefühl dabei anfühlt, ist nicht kommunizierbar. Diese intrinsische Nicht-Kommunizierbarkeit jener Qualia stellt unter Umständen ein Problem für meine These dar, wenn meine These als logische Äquivalenz von sprachlicher Formulierbarkeit und Verständnis angesehen wird. Ich habe allerdings nie behauptet, dass Sprache in der Lage ist, den gesamten Inhalt unserer Wahrnehmung darzustellen. Dementsprechend kann es durchaus Aspekte unserer Wahrnehmung geben, für die wir keine Worte haben.Tatsächlich stellen epiphänomenale Qualia primär ein Gegenbeispiel zur logischen Umkehrung meiner These dar. Und selbst, wenn meine These ebenjene Äquivalenz wäre, ist Epiphänomenalismus alles andere als unumstritten und selbst ursprüngliche Verfechter der Theorie, wie Frank Jackson, sind mittlerweile nicht mehr davon überzeugt. Daher können wir getrost davon ausgehen, das Epiphänomenalismus meine These unangetastet lässt. Denn eigentlich geht es ja um die Verständlichkeit und Kommunizierbarkeit von metaphysischen Argumenten.

Die Nicht-Kommunizierbarkeit könnte also nur insofern ein Problem sein, als wir unter Umständen Dinge wahrnehmen können und verstehen könnten (die Betonung liegt auf dem Konjunktiv), über die wir nicht reden können. Können wir aber nun diese Dinge verstehen? Insbesondere, können wir sie rational verstehen? Da Metaphysik die Sprache benötigt, um Ergebnisse und Argumente zu kommunizieren, ist selbst dieser Punkt kein Problem für meine These: Denn, was ist denn nun ein Quale? Es scheint eine Art intrinsische Eigenschaft von Wahrnehmungen zu sein, die aber nicht intersubjektiv ist. Ich bin mir unsicher, in wie weit ich rational über meine persönlichen Qualia reflektieren kann. Ich denke nicht, dass wir mehr als eine intuitive Vorstellung von Qualia haben können. Und die Tatsache, dass man ein Wort dafür gefunden hat, beruht lediglich darauf, dass wir uns darüber austauschen können, dass wir eine Intuition haben, dass es da etwas an Rot gibt, das es rot macht (das ist eine Art Metainformation, die relativ wenig über die Sache selbst aussagt; vielleicht ist es auch eine Intuition, dass es Wahrmacher geben muss). Aber das ist so ziemlich alles, was wir über epiphänomenale Qualia sagen und tatsächlich denken können. Denn wir denken in Worten. Und wie bereits erklärt, beruht die Bedeutung von Worten letztendlich auf Wahrnehmungen, die kommunizierbar sind. Ich gehe daher davon aus, dass Qualia kein Problem für meine These darstellen

Nun möchte ich zum Fluss der Zeit zurückkommen. Warum ist der Fluss der Zeit ein Thema, dass für Menschen keinerlei Bedeutung hat? Mit Bedeutung meine hier so etwas wie ’Verständlichkeit’ im Sinne meines obigen Kriteriums; also der Rückführbarkeit linguistischer Atome (Wörter) auf Wahrnehmungen. Wenn mit dem Fluss der Zeit genau das gemeint wäre, was wir üblicherweise als den Fluss der Zeit wahrzunehmen scheinen, so erübrigte sich die Frage, ob Zeit vergeht. Sie wäre direkt und empirisch beantwortbar: Zeit vergeht in diesem Sinne; eigentlich schon per Definition. Das kann also nicht der Sinn sein, den McTaggart, Mellor und Olson meinen. Sie meinen eine Art von transzendentem Zeitfluss. Das Wort Zeitfluss ist, wie Olson feststellt eine Metapher. Aber eine Metapher muss umformulierbar sein in einen Satz, der eine wohldefinierte Bedeutung hat – also eine, die wir verstehen können. Nach meinem obigen Kriterium muss diese Bedeutung also empirisch oder in Wahrnehmung begründet sein. Aber wir haben eben bereits festgestellt, dass eben diese Bedeutung für den Fluss der Zeit trivial wäre und nicht das sein kann, was gemeint ist. Dieser sogenannte Fluss der Zeit ist also etwas, das jenseits unserer Wahrnehmung liegt. Somit können wir nicht verstehen, was er ist und wie er funktioniert.

Wir sollten als erstes feststellen, dass zumindest eine Fragestellung in der Metaphysik gibt, die für Menschen vollkommen unverständlich ist. Das sollte nun als Gegenbeispiel zur These gesehen werden, dass metaphysische Argumente tatsächlich die Realität beschreiben. Per Definition können wir ja diese Realität in diesem einen Beispiel nicht begreifen.

Ich möchte noch ein Argument dafür skizzieren, dass dies auch im Allgemeinen in der Metaphysik der Fall ist. Nehmen wir uns eine beliebige Theorie T der Metaphysik vor und benennen die Axiome dieser bestimmten Theorie mit A, B etc. Bezeichne die Verständlichkeit eines Satzes S (oder einer Menge von Sätzen M) mit v(S) bzw. v(M). Mit Verständlichkeit meine ich die Eigenschaft, dass nur Wahrnehmungen und Relationen, die zwischen ihnen bestehen, durch die Worte des Satzes repräsentiert werden.

Nehmen wir nun an, dass alle dieser Axiome der Theorie T nach meinem obigen Kriterium von Menschen verstanden werden können. Dann gilt:

A T : v(A)

Verständlichkeit muss natürlich unter Mengenvereinigung geschlossen sein. Daher:

v(T )

Wenn v(T) gilt, sind insbesondere auch alle diese Sätze im Prinzip empirisch überprüfbar, denn sie beziehen sich ja auf Wahrnehmungen. Damit wäre aber ja die metaphysische Diskussion unnötig, denn wir könnten einfach ein Experiment durchführen und die Theorie überprüfen. Nun kann aber eben genau das nicht der Fall sein. Sonst wären alle Metaphysiker bereits Naturwissenschaftler geworden. Wir müssen also darauf bestehen, dass mindestens ein Axiom AT sich auch auf Entitäten jenseits der menschlichen Wahrnehmung bezieht. Es muss daher mindestens ein Axiom AT die Eigenschaft der Verständlichkeit nicht besitzen:

AT : ¬v(A)

Aber dann gilt auch (mit modus tollens und Abgeschlossenheit unter Mengenvereinigung):

¬v(T )

Damit ist keine metaphysische Theorie für Menschen verständlich.

Diese Kritik und mein Argument sind sicherlich den traditionellen positivistischen Ansichten sehr ähnlich. Ich möchte jedoch darauf aufmerksam machen, dass ich nicht behaupte, dass metaphysische Theorien weder wahr noch falsch sind. Das ist die Position, welche die logischen Positivisten vertreten. Was ich behaupte ist deutlich schwächer: Menschen können mit ihren Sprachen keine Metaphysik betreiben, da metaphysische Gegebenheiten nicht sprachlich dargestellt und damit auch nicht verstanden werden können.

Eine Grundlage dieses Arguments ist auch die Annahme, dass wir nur rational verstehen können, was wir in Worte fassen können. Ich habe bisher diese Tatsache einfach schweigend hingenommen. Deshalb möchte ich meine Annahme nun rechtfertigen. Diese Rechtfertigung wird sicherlich viele Leser nicht zufriedenstellen, aber ich bitte Euch zu reflektieren, ob Ihr nicht die selbe Erkenntnis durch Introspektion erlangt, wie ich. Ich habe festgestellt, dass ich immer in Worten und Sätzen denke und verstehe. Es besteht eine Art permanenter innerer Monolog in meinen Gedanken. Nun habe ich bereits etabliert, dass dieser Monolog nur insofern verständlich ist als er sich auf Wahrnehmungen bezieht. Bezüglich Wahrnehmungen, die ich nicht in Worte fassen kann, sind meine Gedankenrudimentär und nicht analytisch. Ich beobachte bestenfalls, aber kann keine Worte dafür finden und deshalb nicht genauer analysieren, was in solchen Fällen in mir vorgeht. Daher kann ich nicht rational verstehen, was jene Wahrnehmungen repräsentieren. Damit ist mein Kriterium für Verständnis, oder zumindest rationales Verständnis, hinreichend.

Ich vertrete daher jene erkenntnistheoretische Version des Positivismus, die ich mit der Verständlichkeit von Aussagen assoziiere. Metaphysik ist nicht verständlich und hat daher keinen Nutzen für die Menschheit, solange wir Nutzen einer akademischen Disziplin mit der Mehrung von Wissen identifizieren, denn wir können mit der Metaphysik keine neuen Erkenntnisse erlangen. In einem zukünftigen Artikel möchte ich dann mein allgemeines, formales Argument weiter ausbauen und einen rigorosen Beweis des Mangels der Realitätsbezogenheit der Metaphysik, zumindest in dem Sinne, den Metaphysiker sich wünschen, führen.


Literatur
[1] N. Goodman. The new riddle of induction. In Fact, Fiction and Forecast. Harvard University Press, 1983.
[2] J. M. E. McTaggart. The unreality of time. Mind, 1908.
[3] D. H. Mellor. Real Time II. Routledge, 1998.
[4] E. T. Olson. The rate of time’s passage. Analysis, 69:3–9, 2009.
[5] W. V. Quine. Natural kinds. In Ontological Relativity and Other Essays. Columbia University Press, New York, 1969.
[6] B. Russell. The Problems of Philosophy, chapter 6. Oxford University Press, 1970.
[7] M. Schlick. Positivismus und realismus. Erkenntnis, 3(6):1–31, Jan 1932.

12 Kommentare zu „Gegen den Realitätsbezug in der Metaphysik

  1. Metaphysik ist einfach ein schlechter, weil irreführender Term. Was in der Antike einmal Physik war ist heute die Welt, und nicht nur die physikalische, sondern die Zusammenfassung jeglicher Welten, insbesondere auch der mentalen Welt (in der begegnen Protonen, Gene oder Julius Caesar, und man kann irgendwie nicht auf sie deuten). Wenn man sich näher damit befasst, was Welt in diesem Sinne ist, dann sieht man, dass sie aus Begriffsstrukturen besteht. Man kann Welt geradezu definieren als alles Begriffliche. Ein Meta im Sinne von Über gibt es da nicht. Aussagen über Begriffsstrukturen bestehen auch wieder nur aus Begriffen und gehören also immer noch zur Welt.

    Bleibt nur Meta im Sinne von jenseits, außerhalb. Wenn Metaphysik heute einen Sinn hat, dann als Bereich des Außerweltlichen, begrifflich nicht Fassbaren, Absoluten (nicht in Relation stehendes wie Begriffe), bzw. als die Rede davon. Gibt es sowas? Ein Beispiel: Ich bin, und das ist absolut so. Dieses Ich begegnet mir in keiner Welt, es ist begrifflich nicht zu fassen, aber ich weiß, dass ich es selbst bin. Und die vorigen Sätze sind alles, was ich darüber sagen kann: näher kann ich das Ich oder Selbst nicht bestimmen. Es ist metaphorische Rede, besser wohl annähernd zeigende Rede, weil sie ja nicht ins Blaue gehen soll und nur einen Sinn hat, wenn der Empfänger der Rede durch sie auch tatsächlich dahin geführt wird, dass er assoziieren, „mit dem inneren Auge sehen“ kann, was gemeint ist.

    Mit dieser Beschreibung ist Metaphysik trivialerweise ohne Realitätsbezug. Der schlimmere und geradezu universelle Irrtum ist der, von Metaphysischem begrifflich-rational reden zu wollen. Absolutes in begriffliche Relationen einzusetzen, ist ein Parameterfehler und im Ergebnis nichtig. Das kann man seit dem Zweiten Gebot wissen.

    Der Autor hat also in allem Recht. Im Blick auf das eigene Dasein sieht man das gleich, aber diesen Blick muss man sich nicht weniger hart erkämpfen.

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    1. Vielen Dank für Ihren Kommentar. Wenn ich Sie richtig verstehe, missverstehe ich in meinem Artikel, was Metaphysiker*innen tun wollen. Sie sehen also den „Fluss der Zeit“ als Metapher an und nicht mehr. Seltsamerweise scheinen viele analytische Metaphysiker sich dieser Option nicht bewusst zu sein. So zum Besipiel Olson, der anerkennt, dass „Fluss der Zeit“ in einem gewissen Sinne eine Metapher ist, aber verlangt, dass diese Metapher expliziert wird, und dann schlussendlich den Versuch der Explikation als als trivial oder unverständlich verwirft, daraus aber den Schluss zieht, dass Zeit nicht vergeht.
      Es scheint mir also als müsse man entweder das echte Ziel der Metaphysik neu definieren oder erkennen, dass Metaphysik nicht durchführbar ist. Ich habe leider (da in der analytischen Schule ausgebildet) Kant nicht selbst gelesen, aber die Zusammenfassungen, die ich kenne, scheinen die erste Option des obigen Dilemmas als Lösung zu wählen: eine Art der metaphorischen oder transzendenten Metaphysik.
      Wollten Sie darauf hinaus?

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      1. Auf den Fluss der Zeit war ich gar nicht aus, sondern auf Grundsätzlicheres, nämlich die Abgrenzung zwischen der Welt und dem Außerweltlichen und ihre total verschiedenen, zugehörigen Kommunikationsweisen. Die Welt ist begrifflich und im Rahmen der Prädikatenlogik abzuhandeln. Das Außerweltliche ist sozusagen per Definitionem unbegrifflich und daher der Prädikatenlogik nicht zugänglich

        Trotzdem stützen sich fast alle bisherigen Versuche, vom Außerweltlichen zu reden – mehr oder weniger wissend – auf die Prädikatenlogik und sind daher nichtig. Etwas Unbegriffliches als Parameter in einen Prädikatausdruck einzusetzen, ergibt einen Parameterfehler und kein Prädikat, also keine Erkenntnis. Mit Ihren Worten: Es gibt keinen Realitätsbezug der Metaphysik.

        Bleibt anscheinend noch die Frage, ob man über das Außerweltliche trotzdem irgendwie reden kann, oder ob es sogar leer ist.

        Ein Beispiel habe ich ja schon gegeben: jeder Mensch hat sein Dasein und kann seine eigene Daseinssituation sehen, in der ihm etwas begegnet, das er erkennt bzw. unterscheidet, für das er Begriffe bildet, Begriffe auch für Begriffszusammenhänge, und so seine individuelle Welt als geradezu unüberschaubar große Begriffsstruktur aufbaut.

        Dieses Dasein begegnet mir nicht, ich kann es nicht wahrnehmen, aber ich weiß trotzdem davon und kann es umschreiben. Es ist, wie wenn da eine Instanz / ein Selbst ist, das wahrnimmt. Das Wahrgenommene ist kein Rauschen, sondern hat System wie von einer Ursprungsinstanz so gestaltet und produziert. Dieses Selbst und diese Ursprungsinstanz kann man aber nicht wahrnehmen und nicht begreifen. Das Dasein ist vor unserer Wahrnehmung und unserer Begrifflichkeit.

        Wenn man die letzten zwei Absätze nachvollziehen kann, sieht man, dass und wie die Rede über das Außerweltliche funktionieren kann. Wir haben nur unsere üblichen Begriffe und zugehörigen Wörter zur Verfügung, und müssen aus ihnen Wortfolgen bilden, die unsere Assoziationen auf das Gemeinte lenken. Das ist frei-assoziative, annähernd zeigende, „metaphorische“ Rede.

        Wer solche Wortfolgen als Behauptungen mit Wahrheitsanspruch und damit als Prädikate liest, verfehlt ihre Bedeutung.

        Umgekehrt kann man annähernd auf das Dasein zeigende Texte – etwa in religiösen Referenztexten – nur als solche erkennen und verstehen, wenn man weiß, wie das Dasein ist.

        Wenn man nicht weiß, wie das Dasein ist, dann ist das im Übrigen, wie wenn man ein Spiel spielt, ohne den Sinn und die Regeln zu kennen, und sich dann wundert, wenn man verliert, und nicht wundert, wenn es gutgeht. –

        Nun zum Fluss der Zeit. Ich wollte nicht induzieren, dass Sie das Tun der Metaphysiker*innen missverstehen.

        Einschub: Den Fluss der Zeit sehe ich als innerweltliche Konstruktion, nach der z.B. unsere Uhren gebaut sind, und die mit meiner Welt endet. In Bezug auf mein Dasein würde ich sagen, dass es so ist, wie wenn ich stets in einem Jetzt oder Moment bin, dem ein anderer Moment voranging, und dem ein anderer Moment folgt. Der jetzige Moment kann sich übrigens ganz selten einmal „hinziehen“, ja geradezu „stehen bleiben“, und das ist ein Nunc Stans, eine stehende Zeit, die also nicht fließt. Wo und in welcher innerweltlichen Zeit ich gerade im Moment bin, hängt an meiner Fokussierung. Ich kann z.B. gerade in meiner Gedankenwelt auf meiner Reise vor x Jahren am Sightseeing-Punkt y im Land z sein, und im nächsten Moment wieder in die Zeit meiner Außenwelt zurückkehren. –

        Wenn Sie abschließend fragen, ob ich auf eine Art der metaphorischen oder transzendenten Metaphysik hinauswill, dann würde ich das i.W. bejahen, aber anders formulieren. Ich weiß, dass man darüber nur metaphorisch „drumherum reden“ kann, aber ich will nicht primär und nur wissen, was und wie Metaphysik ist, sondern was an unserem Sein absolut ist, d.h. außer der Welt noch dran ist. Dieses Wissen ist nach meinem Befund nicht leer und darüber hinaus sehr wertvoll.

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    1. Warum so gehässig? Haben Sie heute einen schlechten Tag? Dumme Kommentare kommen bei denen, die sie lesen, auch meist blöd an.

      Hier nochmal die „falschen Zitate“ – die der Autor in seinem Text übrigens nicht verwendet.

      „6.522 Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.

      6.53 Die richtige Methode der Philosophie wäre eigentlich die: Nichts zu sagen, als was sich sagen läßt, also Sätze der Naturwissenschaft – also etwas, was mit Philosophie nichts zu tun hat -, und dann immer, wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen wollte, ihm nachzuweisen, daß er gewissen Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat. Diese Methode wäre für den anderen unbefriedigend – er hätte nicht dasGefühl, daß wir ihn Philosophie lehrten – aber sie wäre die einzig streng richtige.

      6.54 Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen-über sie hinausgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)
      Er muß diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.

      7. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“ (TLP, 82–83)

      Wittgenstein, Ludwig: Logisch-philosophische Abhandlung. In Suhrkamp (2006) (Ed.): Tractatus logico-philosophicus. Werkausgabe Band 1. Tagebücher 1914-1916; Philosophische Untersuchungen. Frankfurt am Main. (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 501), 9-83.

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      1. War in keiner Weise gehässig. Wer nicht präzise zitiert, belegt nur seine Schlampigkeit; gerade für einen Philosophen ein schlechtes Zeichen. Aber deshalb jemanden hassen? Ach Lottchen …

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      2. Zugegebenermaßen empfide ich als Autor Ihren Kommentar also durchaus gehässig. Auch der zweite Kommentar steht dem ersten in Gehässigkeit kaum nach.
        Ich lade Sie herzlich zu einer höflichen Sachdiskussion ein. Wenn Sie daran kein Interesse haben, denke ich, wir sollten diese Debatte an diesem Punk schließen.

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    1. Ich schließe mich Max Binkle an – und würde gerne wissen, was genau Sie denn als schlampig und unpräzise im Artikel empfinden.

      Wenn nicht, wie mir nach nach mehrminütigem Grübeln in den Sinn kam, es sich doch einfach nur das Schibboleth ([„wovon/worüber“]) im Teasertext handelt. Wenn so: professo! War damals für die Onine-Veröffentlichung des Artikels verantwortlich und zog mir die Wittgenstein’sche catchy phrase herbei – hatte sie aber nur in der Pears und McGuinness-Übersetzung vorliegen, wo es heißt: „What we cannot speak about we must pass over in silence.“ Nach ihrem Verständnis müsste das ein Übersetzungsfehler sein, da „speaking about“ und „speaking of“ (für die, die sich auskennen!) ja bekanntlich verschiedene Sachen sind. Meine Haltung dazu: wenn ich nicht mit Verweis auf Werk und Seitenzahl zitiere, rauben mir solche philologischen Spitzfindigkeiten nachts nicht den Schlaf. Wenn das bei Ihnen der Fall ist, tut es mir leid.

      Sonst bin ich auch für jede Sachdiskussion über den Realitätsbezug (in oder außerhalb der Metaphysik) gerne zu haben.

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