Abschied vom Mythos, oder: Analyse eines Nekrologs

Über den Film „Hans Blumenberg – der unsichtbare Philosoph“

Anfang November [2018] ist ein Film über den Philosophen Hans Blumenberg in die deutschen Arthouse-Kinos gekommen. „Hans Blumenberg – Der unsichtbare Philosoph“ wird beschrieben als ein Roadmovie, in dem der Mensch Blumenberg aus der Theorie hervortreten soll. Diesem Ansatz liegt die Meinung zugrunde, dass Theorie staubtrocken ist, Menschen aber spannend. Einen Erfolg muss man dem Film zugestehen: nämlich, die Stupidität dieses Gegensatzpaares schonungslos offenzulegen. „Wenn sie doch wenigstens den Sprung in das eigene Denken wagten!“ – möchte man den Blumenberg-Kreuzfahrern zurufen. Stattdessen wird auf den Spuren eines toten Philosophen durch die Republik gegurkt. Es werden literarische Grabsteine umgedreht. Übrig bleibt: Mief. Wer darin den Geschmack des derzeitigen akademischen Betriebs erschnüffelt, mag an dem Film seine Freude haben.

Hans Blumenberg war ein westdeutscher Philosoph. Geboren 1920, vor, während und nach den Kriegswirren studiert, hatte er seine publizistische Höhephase zwischen den 60ern und 80ern. Seine Schwerpunkte liegen in der Kulturphilosophie und der Phänomenologie. Er beschäftigte sich ebenfalls mit theologischen, sprachphilosophischen und philosophiegeschichtlichen Fragen, sowie mit der Philosophie der Existenz und der philosophischen Anthropologie. Berühmt ist Blumenberg für die Entwicklung einer eigenen Philosophie der Metapher, der sogenannten „Metaphorologie“. Bereits zu Lebzeiten veröffentlichte er viel. Bisweilen spricht man von ihm als dem wichtigsten deutschen Philosophen der Nachkriegszeit nach Adorno. Zuletzt sind bei Suhrkamp von ihm die Phänomenologischen Schriften erschienen.

Es gibt eine Reihe von Gründen, sich mit Blumenberg zu beschäftigen. Und es gibt in Blumenbergs Philosophie viele Motive zu entdecken, die eine Lektüre oder ein Studium lohnenswert machen. Aber Blumenberg ist schwieriges Terrain. Das liegt an zweierlei. Zum einen ist Blumenberg ein schwieriger Autor. Er will entschlüsselt werden. Und es gibt so manchen langen Satz, der vielleicht gar nicht entschlüsselbar sein soll. Zum anderen ist Blumenberg Nische. Das liegt daran, dass viele der oben genannten Themen nicht zum klassischen Kanon des Philosophierens dazugehören, zumindest nicht im Grundstudium. Innerhalb dieser Nischenthemen hat Blumenberg selbst wieder eine Nischenstellung inne. Wer Blumenberg liest, muss also fortwährend im Hinterkopf behalten, dass dieser Denker kontextualisiert werden will. Warum ist eine Metapher wichtig? Warum hat Blumenberg überhaupt Heidegger gelesen – und nicht etwa Bertrand Russell? Was heißt das: Lebenswelt? Was will der damit? Offenbar wollte Blumenberg bei vielem nicht mitmachen. Dafür muss er Gründe gehabt haben. Die interessanten Fragen liegen da, wo es um diese Gründe geht. Denn Blumenberg hatte ein eigenwilliges Verständnis davon, was Philosophie sein soll, und was man macht, wenn man „philosophiert“. Einen Großteil seiner Lehrzeit verbrachte er in Münster. Er hielt dort freitags im Schloss stets eine Vorlesung und verschwand danach in der Versenkung. Was Blumenberg kultivierte, war eine Aura der sublimen Reflexion, eine Atmosphäre, in der das akademische Leben geheimnisvoll war. Von ihm ist das Zitat überliefert: „Nachdenklichkeit heißt: es bleibt nichts so selbstverständlich, wie es war.“ Blumenberg war sehr gut darin, sich selbst mit einem Mythos zu umgeben. Und genau in jenem Mythos liegt auch der Ursprung des Filmes.

Zwei Freunde haben in ihrer Jugend in Münster begeistert die Blumenberg-Vorlesungen gehört, viel Rotwein getrunken und Zigaretten geraucht. Sie sind groß geworden, trinken immer noch Rotwein und rauchen. Sie sind überzeugt davon, dass Philosophieren nach Blumenberg möglich, aber sinnlos ist. Sie beschließen, dass es an der Zeit ist, ihrem Idol einen cineastischen Gartenzwerg in den geisteswissenschaftlichen Kyffhäuser zu stellen, rufen den Regisseur Christoph Rüter an und kontaktieren den Blumenberg-Forscher Dr. Rüdiger Zill. Alle zusammen setzen sich in einen Bus, entwerfen die Blumenberg-Roadmap und reisen über Landstraße und Autobahn der auf- und untergehenden Sonne entgegen. Auf ihrer Reise ins philosophische Jerusalem treffen sie eine Reihe illustrer Gestalten, die schlaue Sachen über den großen Philosophen sagen. Statt knallender Colts wird kräftig Pfeife geschmaucht, und statt Country-Musik dröhnt Bachs Matthäuspassion durch den Ford Transit. Wäre es ein guter Western, würde am Ende noch ein Showdown zwischen dem auferstandenen Philosophen und den wackeren Recken folgen. Leider wird der Zuschauer um eine konsequente Finalisierung des Plots betrogen: Es wird lediglich stolz an den Edelstahlbriefkasten in Blumenbergs Bungalow herangezoomt, man sieht noch die einfallslose Treppenbewachsung, einige Bilder aus dem Familienfotoalbum und dann, ja, dann endet der Film einfach irgendwie.

Was bleibt, ist natürlich in erster Linie das Gefühl der Gnade, nicht noch weitere Raritäten aus dem Blumenberg’schen Privatleben betrachten zu müssen. Was sich dann einstellt, ist ein Gefühl unbehaglicher Ratlosigkeit. Ist das wirklich das, was gebildeten Menschen einfällt, wenn sie sich entscheiden, ein bisschen Geld in die Hand zu nehmen, und einen Film über eine faszinierende Philosophie und den dazugehörigen Philosophen zu drehen? Ich verließ den Kinosaal mit der dumpfen Ahnung, Zuschauer eines größeren, ungeplanten Schiffbruchs geworden zu sein. Denn was als Huldigung Blumenbergs beabsichtigt war, hat der Figur letztlich die intellektuelle Würde genommen und der dazugehörigen Philosophie den Glanz. Gleichzeitig scheint in der Kritik das niemand zu bemerken, sie wendet sich mit müdem Applaus bereits den nächsten Indie-Filmen zu. Wie konnte das passieren?

Die Person Blumenberg funktionierte in der Öffentlichkeit, weil sie Teil des Mythos Blumenbergs war, von dem man wusste, dass er nächtelang wütende Parforcediktate abhielt, nur sechs Nächte der Woche schlief und Unmengen an Text produzierte. Des Weiteren blieb sie, was auch im Titel des Films anklingt – unsichtbar. Das heißt: es gibt kaum Bilder, Blumenberg ließ selten Treffen zu. Nun ist es eine besondere Herausforderung, einen ganzen Film über jemand Unsichtbares zu drehen. Der Film ging dieses Wagnis ein. Aber wer das Unsichtbare sichtbar machen will, der muss zwangsläufig scheitern. Das heißt nun nicht, dass es kategorisch unmöglich wäre, einen Film über Blumenberg zu drehen – wenn man sich nicht darauf verbeißen würde, auf Teufel komm raus den Menschen hinter der Theorie zu zeigen. Es könnte ja Gründe dafür geben, dass Blumenberg majestätische Distanz einem Exhibitionismus vorzog. Vielleicht war er als Mensch gar nicht so viel auszustellen bereit? Den Filmemachern scheint dieser Gedanke nicht gekommen zu sein. Sie versuchen verzweifelt, die Person Blumenberg mit seiner Philosophie in Einklang zu bringen. Solch Universelles bewahrt in wackeliger Kameraführung, kleinbürgerlich-piefigem Landstraßenfeeling und betont subjektiv gehaltenen Interviews jedoch seine Wirkmacht nicht. Die Person Blumenberg ist mit ihrer Philosophie schlichtweg nicht in Einklang zu bringen. Sie ist auch nur ein Mensch. Ein Mensch entwickelt Bauchansatz und reagiert beleidigt, wenn er nicht den Büchner-Preis bekommt. Das ist verständlich, aber nicht würdevoll. Und wenn sich hinter der Unsichtbarkeit des großen Philosophen solche Kleinlichkeiten verbergen, tut man besser daran, den Schleier nicht zu lüften. Diesen Gefallen tun die Filmemacher Blumenberg nicht. Sie versuchen krampfhaft, seine Person zum bon vivant zu stilisieren. Wenn dann Sätze fallen wie: Blumenberg hat immer gerne den Porsche seines Freundes gefahren. Oder: Blumenberg hat seinem Verleger nachts um zwei am Telefon erzählt, dass er sich jetzt alleine einen Wein für 2000 Euro aufmacht – dann ist das eigentlich Grund zum Fremdscham.

Das philosophische Selbstbild, das sich hier zeigt, ist nicht weniger unproblematisch. Wir sehen drei ältere Männer, die zu pathetischer Mucke über die Autobahn tuckern. Weiterhin passiert: nichts. Und wenn das nicht schon lächerlich genug wäre, tun sie auch nichts anderes, als über einen anderen alten Mann zu reden, dessen Leben biographisch ähnlich wenig erstaunlich war. Das ist sicherlich nicht die Philosophie, die Blumenberg selbst betrieb. Es ist eine Philosophie, die das Philosophieren aufgegeben hat. Die sich damit begnügt, einen Meister auf einen Podest zu stellen und verschiedene Leute zu verschiedenen Facetten dieses Meisters zu befragen, die darauf hinweisen, dass der Meister selbst Schüler voriger Meister war. Auf diese Art und Weise wird Philosophie zu einer Nachlassverwaltung degradiert, die wiederum ihre Legitimität dadurch erfährt, dass sie die Nachlassverwaltung einer vorigen Nachlassverwaltung ist.

Dabei hätte viel nachgedacht werden können. Man hätte die Nische problematisieren und fragen können, warum sich Blumenberg wichtigen Themen der 60er und 70er Jahre – dem Poststrukturalismus etwa, der Kritischen Theorie oder der analytischen Metaphysik – verweigerte. Man hätte darüber reden können, wer überhaupt zu Blumenbergs Zielgruppe gehört. Man hätte fragen können, wo Blumenberg’sche Motive heute im Mainstream-Diskurs auftauchen. Es hätte auch die Rezeption Blumenbergs außerhalb seiner eigenen Tradition untersucht werden können. Die Tatsache beispielsweise, dass die erste englischsprachige Rezension eines Werkes von Blumenberg ausgerechnet Richard Rorty schrieb, zu dessen Kulturphilosophie sich erstaunliche Brücken schlagen lassen. Es hätte viel getan werden können, um für wenigstens erstmal Relevanz herzustellen. Statt sich aber um neues Publikum wirklich zu bemühen, ruht der Film sich aus. Das ist umso trauriger, als dass Blumenbergs Philosophie immer relevanter wird. So hat Ralf Konersmann schon vor Jahren ein Wörterbuch veröffentlicht, das die Instrumente der Metaphorologie nutzt, um die Grenzen philosophischen Sprechvermögens zu klären. Auflistung im Film? Nirgends. Und eine Einbettung der beiden im Film erwähnten Forschungsprojekte in ein größeres, interdisziplinäres Bild? Erfolgt auch nicht. Stattdessen gibt es eine Nabelschau, die zeigt, dass es für viele Leute ziemlich schwierig ist, sich von intellektuellen Vaterfiguren zu lösen. Obwohl diese Vaterfiguren menschlich gar nicht so faszinierend sind, wie wir sie gerne hätten.

So offenbart der Filmt ein seltsames Phänomen der intellektuellen Frömmigkeit. Er kultiviert die Idee des „großen Denkers“, dessen Gedanken in luftigen Höhen schweben, und der des Nachts einsam sitzt und diktiert. So ein Bild mag Tradition haben – ich denke dabei an Spitzwegs armen Poeten oder den Wanderer über dem Nebelmeer. Der Film legt nahe, dass es sich bei Philosophen um abgeschiedene Geister handeln soll, die mit der Gesellschaft nichts zu tun haben. Manche folgen dann diesen Geistern nach, beten sie an und verachten die trivialen Normalverbraucher. In gleicher Logik kann die Masse mit den Philosophen nichts anfangen und stempelt sie als brotlose Kunst oder bestenfalls als Taxifahrer ab. Das führt dann dazu, dass gestandene Männer wie kleine Kinder ihrem Idol nacheifern und sich seine Sätze wieder und wieder auf Handylautsprechern anhören. In meinen Augen ist deswegen nichts tödlicher als dieser Gegensatz zwischen der „sakralen“ Philosophie und der „profanen“ Wirklichkeit. Die Philosophie lebt doch aus der Interaktion mit den Geschehnissen in der Welt! Sie lässt sich nicht im stillen Kämmerlein betreiben, sondern braucht die Debatte, die Konfrontation und die aufrichtige Neugier Fachfremder. Ein philosophisches Denken, das sich allein von sich selbst nährt, muss unweigerlich verdorren und absterben, weil es keinen Input, keine Neuerung erfährt.

Wer erwägt, sich mit der Philosophie eingehender zu beschäftigen, wird von dem Habitus des Films abgeschreckt werden: von der Philosophie als Domäne der Weintrinker und Feuilletonisten. Die Tatsache, dass wir Philosophen tatsächlich furchtbar gerne Wein trinken, Proust lesen und Rollkragenpullis tragen, ist dabei gar nicht so wichtig. Das Problem ist, dass sich die Philosophen zu ernst nehmen. Und was sollen die Leute, die mit Zigaretten, Feuilleton und Seidenkrawatten nicht viel anfangen können, von der Philosophie halten? Wie schaffen wir es, dass die Tätigkeit des Philosophierens als solche offen, interessant und ernstzunehmend bleibt? Es lässt sich erahnen, dass die Sensibilisierung für diese Probleme weit weniger ausgeprägt ist, als zu wünschen wäre. Denn genau dieses überromantisierte Bild der Philosophie wurde von der FAZ, kleineren Zeitungen sowie Film-Blogs positiv dargestellt. Es scheint schwierig, darauf aufmerksam zu machen, dass die Kriterien, mit denen wir „gelungene“ Philosophie messen, nicht so gelungen sind. Auch wurde ich mit dem Unbehagen zurückgelassen, dass die Philosophie eventuell doch ein größeres Geschlechterproblem hat, als sie sich zugesteht. Bis auf Bettina Blumenberg und eine andere Philologin waren alle dominanten Sprecher in diesem Film ausschließlich weiße Männer. In der Philosophie liegt der Anteil von Frauen an Lehrpositionen – je nachdem, welche Statistik man sich anschaut – noch unter den Werten vieler MINT-Fächer. Nun möchte ich ja weder als Frau noch als Mann über dieser Tatsache verzweifeln und im Studium gender-paranoid werden. Was aber, wenn die Lage, was Vielfalt, Austausch, Chancengerechtigkeit und Flexibilität in der Philosophie angeht, tatsächlich so düster ist?

Obwohl mich nun der Film in der Stimmung von Biederkeit und Tristesse zurückgelassen hat, war ich erstaunt, dass Blumenbergs Philosophie nicht totzukriegen ist. Inhaltlich waren die Äußerungen der interviewten Professoren und Akademiker, und die ausgewählten Blumenberg-Sätze, wirklich faszinierend. Es spricht für die Philosophie, dass einzelne Aussagen, Gedanken und Themen auch ihrem ramschhaftesten Ausverkauf widerstehen können.

[Anmerkung des Autors: Bei dieser Textfassung handelt es sich um eine zuletzt im Juni 2019 gekürzte und durchgesehene Version, die auch im Print der dritten Ausgabe gedruckt wurde. Sie ersetzt eine ursprünglich an dieser Stelle im Dezember 2018 publizierte längere Online-Version.]

3 Kommentare zu „Abschied vom Mythos, oder: Analyse eines Nekrologs

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